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Свидетели двух столетий

 

Моим детям и внукам!

Каролина Фредерика Дёрвальд
урожд. Штерн

 

An meine Kinder

DIE BISMARCKSPENDE

 

An meine Kinder!

von Karoline Frederike Dörwald,
geb. Stern.

Schon lange ist es mein Wunsch, auch meinen Kindern mein Leben von frühester Jugend an mit seinen ganzen Leiden und Freuden mitzuteilen, wenn ich auch wohl nicht alles wiedergeben kann, so ist doch vieles, was sich meinem Gedächtnis eingeprägt hat, wert, auch als Vermächtnis hinterlassen zu werden.

Arm und klein ist meine Hütte. Dasselbe muß ich auch von meinen Eltern sagen, aber Ruhe und Zufriedenheit haben darin nicht gewohnt. Mein Vater, von Beruf Schuster, führte ein leichtes Leben, schwer hat meine Mutter gekämpft, um mit ihm auszukommen, hat sie uns Kinder doch oft in späteren Jahren erzählt, daß sie mitunter nicht wußte, was sie uns zu essen geben sollte, wenn wir des Morgens aufweckten. Hatte Vater mal Arbeit und Mutter hoffte auf Geld, so sagte er gewöhnlich, die Leute bezahlen mir andersmal, ging Mutter dann mal hin um das Geld zu holen, dann mußte sie immer hören, daß Vater das Geld schon bekommen hätte. Montags wurde überhaupt nicht gearbeitet, dann wurde blau gemacht. So ging die Zeit unter Kummer und Sorgen für meine Mutter dahin, ein Kind nach dem andern wurde geboren, mein ältester Bruder war schon lange nicht mehr zu Hause, den hat Mutter schon in frühester Jugend bei fremden Leute gegeben. Vater mußte noch seine Militärdienstpflicht genügen, mein Bruder ist dann auch bis zu seinen 15ten Lebensjahre bei seinen Pflegeeltern geblieben. Ich war das 6te Kind, 2 waren schon ganz klein gestorben. Als ich 2 Jahre alt war, brach der Krieg 1870 los, wo auch mein Vater sein Leben lassen mußte. War auch der Schmerz im ersten Augenblick groß für meine Mutter, so tröstete sie sich doch bald, denn vom Amt kam gleich Nachricht, das sie Unterstützung bekäme, auch hatten die Kameraden von meinem Vater gesammelt und 50 M zusammenbekommen, denn ein jeder kannte die traurige Lage, in der meine Mutter zurückgeblieben war. Vater war nicht im Felde, sondern unterwegs auf dem Transport in Alt-Essen aus dem Zug gefallen. (1) Mutter lebte jetzt ordentlich, auch hatte sie doch, wenn es auch nicht viel war, Geld, und sie konnte ihren Kindern zu essen geben, nur eine schwere Sorge stand ihr noch bevor. 6 Kinder hatte sie schon und das 7te war unterwegs. Im September 1870 ist Vater gefallen. Im März 1871 wurde mein jüngster Bruder geboren. Immer hatte sich mein Vater nach einem Jungen gesehnt, da die anderen Kinder außer dem ältesten, der nicht zu Hause war, alle Mädchen waren. Nun war Vater tot, nun kam der ersehnte Junge. Mutter war glücklich und ihr Liebling ist auch dieser Junge geblieben.

Jetzt hatte unser Leben einen geregelten Gang, die ältesten Geschwister gingen schon zur Schule. Mutter hatte immer viel Land, auch Ziegen, mitunter auch ein Schwein, das war dann immer eine große Freude, wenn das geschlachtet wurde, hatten wir dann doch immer eine ganze Zeit, Fett und Fleisch, auch die schönen Würste nicht zu vergessen, die Schinken hat Mutter immer verkauft, für das Geld wurde dann immer das allernötigste angeschafft, denn die Unterstützung vom Staat war ja nicht groß und hätte Mutter nicht sozugefasst und gearbeitet, so wäre es uns auch denn übel ergangen.

Wir hatten jetzt immer im Herbst den Keller voll Kartoffel, Kohl und Rüben, dazu, die schöne Milch aus dem Stall. Wir, Kinder, mußten aber auch fleißig mitarbeitea und wir taten es gerne, denn auf dem Lande ist es nicht so, wie in der Stadt, auf dem lande muß schon jedes Kind ran, sobald es nur kann, an Spielen wird da nicht viel gedacht. Wenn kein Futter fürs Vieh geholt werden brauchte, dann mußten wir was zum brennen oder Streu zum Stall holen, hatten wir doch den Wald gleich vor unser Tür. Kohlen hat Mutter nie gekauft, im Herbst war da immer im Walde Holzauction, da kaufte Mutter dann immer ein ganzes Fuder, das war nicht teuer, dann kam ein Nachbar, hat dann alles zerkleinert für ein paar Groschen.

Unsere größte Freude war immer, wenn Kirmes war, hatten wir doch schon immer wochenlang vorher dazu gespart, Lumpen gesammlt, Glasscherben verkauft, alles, wo wir nur irgend Geld rausschlagen konnten, wurde verschachert. Auch nach dem nahen Exerzierplatz (wir nannten es Kugelfang) wurde gegangen, haben dann den ganzen Sandwall wo, früh morgens die Soldaten ihre Schießübungen abhielten, durchwühlt um die abgeschossenen Kugeln zu finden. Gab es doch dafür, weil es damals noch die reinen Bleikugeln waren 1 Pf für das St. Wie sind wir gerannt, um als erste zur Stelle zu sein, wie waren wir enttäuscht, wenn schon viele für uns da waren, denn ein jeder von uns, Kinder, sammelte dort. So, haben wir uns denn unser Geld zusammen gespart, um dafür 2 Tage lustig und in Freuden zu leben. Mutter konnte uns kein Geld geben, hatte sie doch genug, damit zu tun, uns neue Kleider zu kaufen, denn wenn wir das ganze Jahr auch nichts neues bekamen, zur Kirmes wurde alles neu geputzt, ja meine lieben Kinder, ihr macht euch keinen Begriff davon, was eine Kirmes für das Landvolk bedeutet.

So gingen die Jahre dahin, mein kleinster Bruder war schon 4 Jahre alt, da wollte es das Unglück, das Mutter den Verlockungen eines Mannes nict widerstanden hatte, und noch mal was kleines kommen sollte, ich war ja erst 6 Jahre alt, aber später habe ich aus dem Munde meiner Mutter gehört, daß das Leben ihr damals eine Qual war, hätte sie nicht um ihre Kinder gebangt, so hätte sie Schluß gemacht, denn mein Großvater, der sich bis dahin wenig um uns und seine Tochter gekümmert hatte, trat nun hervor. Meine Mutter war bis dahin alleiniger Vormund für uns Kinder gewes, das sollte jetz anders werden, Großvater meinte, wenn Mutter Liebesgedanken hat, würde sie uns Kinder vernachlässigen. So, bekamen wir denn einen andern Vormund zum Schmerze meiner Mutter; ich weiß nun, nicht soll auch ich meine Mutter zürnen und sagen, das hätte sie nicht machen müssen, eigendlich wohl, aber rechtschaffen gedacht muß ich heute anders darüber urteilen. Meine Mutter war 32 Jahre alt, als Vater starb, und in diesem Alter ist wohl ein Fehltritt zu verzeihen, hatte doch der Verführer, ein Tischlermeister, ihr versprochen zu heiraten. Mutter erzählte mir später, als wir schon mehr Verständniß hatten, daß seine Eltern ihn so abgeredet hätten, doch keine Frau mit 5 Kinder zu heiraten. Die Kleine ist denn auch bald geboren und der Vater mußte bis zu 6 Jahren Alimente bezahlen. Meine älteste Schwester Anna war nun schon 11 Jahre, konnte schon Nachmittags bei andern Leuten Kinder verwarten, und schon etwas für ihren Unterhalt beitragen, ein Glück war es nur, das wir von Krankheiten verschont blieben und Mutter hatte sich auch bald wieder erholt und in dem Lächeln ihrer Kleinsten wieder Mut gefaßt. Auch wir, andern Geschwister, hatten die kleine Emma sehr gern, und nie hat sie von uns zu fühlen bekommen, daß sie Halbschwester war.

Nach und nach wurde das Verhältnis mit meinen Großeltern wieder besser, erst kam meine Großmutter zu uns, sie hatte uns, kleine Mädchen, immer gern gehabt, Großvater hielt sich ja noch zurück, der konnte noch nicht verzeihen. Eines Tages, als ich aus der Schule kam, es war im Sommer, sagte Mutter zu mir, ich und mein kl. Bruder könnten Nachmittags zur Großmutter gehen und Schooten hinbringen. Hei, sind da die Sachen geflogen, keine Zeit hatte ich mehr zum Essen, ich hatte ja keinen Hunger, ich ging ja zur Großmutter, da konnt ich mir ja satt essen an Obst, o wahr das eine Freude wahrlich, ich hatte meine Großmutter lieb und die Liebe hab ich ihr bewahrt bis zu ihrem Tode. Uns, Kinder, hatte es schon so lange bedrückt, daß wir Großmutter nicht mehr besuchen konnten, nun kam ganz plötztlich der Befehl, ihr was hinzubringen. Als wir beide nun ankamen bei Großmutter war das erste auf die Bank hintern Tisch, dann bekamen wir jeder ein großes Butterbrod und eine Tasse Milch. Wir dachten aber schon mehr an die schönen Kirschen, die wir draußen gesehen hatten und als wir nun mit dem Essen fertig waren. Großmutter hatte unterdes den Korb von die Schooten leergemacht, ging sie mit uns nach dem Garten, bat den Knecht uns den Korb mit Kirschen zu füllen. Mein Bruder und ich standen unter dem Baum, und haben uns satt gegessen, was runter viel, und das nicht zu wenig fielen, dafür sorgte schon der Knecht. Meine Großeltern waren Häuslersleute bei einem Bauern. Wir hatten auch immer unsere Freude an Großmutters Hühnern, die waren so zahm, kamen in die Stube, pickten die Krümel auf, die untern Tisch gefallen waren, ja ein kl. weißes Hühnchen hatte Großmutter, die legte ins Bettstroh ihre Eier. Ach wie schön sind doch die Kinderjahre, wenn man im Altern daran zurück denkt. Jetzt wat das Band zur Großmutter wieder befestigt, wir haben ihr dann auch oft besucht und viel es uns zuletzt auf, daß Großmutter so oft im Bett lag, Großvater sagte, sie sei krank, sie litt an Atemnot. Mutter ging dann mal zu ihr und hat ihr überredet zu uns zu kommen, Mutter wollte sie pflegen.

Dann wurde ihr Hausstand aufgelöst, Großvater ging zur andern Tochter und Großmutter kam nach uns zu ihren kleinen Mädchen (4 St). Großvater hätte ja auch zu uns kommen können, aber er hatte wohl immer noch nicht sich überwunden und konnte nicht vergessen, aber trotzdem war er doch die meiste Zeit bei uns, früh morgens kam er, abends ging er. 1/2 Jahr war Großmutter schon bei uns, von Tag zu Tag wurde sie schwächer, wenn ich aus der Schule kam, brachte ich ihr von unsern Kaufmann wo, wir immer kauften jeden Mittag, einen kräftigen Topf voll Suppe mit, sie aß nicht viel, den Rest bekam ich. Dann hat sie auch nicht lange mehr gelebt. Eines Mittags komme ich aus der Schule, Mutter sagt, Großmutter stirbt, ich ging hin zum Bett, da lag Großmutter wie verklärt, Lina sagt, sie gieb mir doch die schönen Blumen vom Bett, ich sah keine, das war so die letzte Illusion, dann war sie bald eingeschlafen. Mein Schmerz war groß, ich war die meiste Zeit um ihr gewesen, nun sollte ich nicht mehr mit ihr sprechen können. Mutter hat mir oft mit Gewalt müssen aus der Kammer von der Tita wegholen. Ich war damals 6 Jahre alt.

Aber wie Kinder, wir hatten sie bald vergessen. Der Frühling kam und jetz hieß es wieder tüchtig arbeiten. Unser Land mußte in Ordnung, fremde Hilfe konnte Mutter nicht nehmen. Meine Schwester Anna kam jetzt auch aus der Schule; ein altes schwarzes Kleid von der Großmutter wurde geändert für Anna zum Konfirmationskleid. Denn Mutter mußte sich sehr einrichten, wurden wir doch immer größer und brauchten immer mehr. Anna sollte nun das nähen lernen ( weiß Wäsche) wir waren damals stolz darauf, denn alle andern Mädchen gingen nach der Spinnerei, wer da nähen tat, der war schon was besseres. Aber es sollte mit unserm Stolz ein jähes Ende nehmen. Mutter hatte sich bereden lassen, ihren ältesten Sohn Karl zu sich zu nehmen, dachte sie doch dadurch etwas Geld mehr in die Hände zu bekommen. Aber besser wäre gesgewesen, sie hätte ihn gelassen, wo er war, denn ein Kind, das, sozusagen, seine Mutter gar nicht kennt, hat auch keine Liebe zu ihr, kann sie nicht haben. 3 Monate war mein Bruder alt , als sie ihn wegbrachte, wie ein eigenes Kind wurde er gehalten und verwöhnt, kam Mutter mal hin ihn zu besuchen, hat er sich versteckt und wollte nicht vorkommen. Seine Pflegeeltern waren Gärtnersleute in Bielefeld.

Mit 6 Jahren kam er gleich in die höhere Schule. (Den Leuten war ihr eigenes Kind ein Junge im alter von 2 Monat gestorben, die Frau hatte aber viel Nahrung, deshalb hat sie meinen Bruder gestillt und als eigen betrachtet). Nie haben die Leute von Mutter Geld verlangt. Meine Mutter hat noch was mit zu Hause gebracht, wenn sie ihn besucht hat. Der Pflegevater wollte ja den Jungen erst nicht raus geben, da er wohl einsah, das dadurch die Zukunft des Kindes vernichtet war, aber meine Mutter bestand darauf, sie mußte Unterstützung haben, da meine Schwester auch nur wenig verdiente. So kam denn mein Bruder 16 Jahre alt zu uns ins Haus, ein hübscher großer aufgeweckter Junge, von der Schule soeben entlassen, sollte nun arbeiten, Geld verdienen, Kesselschmidt sollte er werden, 4 Jahre Lehrzeit. Es war ja nur wenig, was er verdiente, aber Mutter hoffte auf die Zukunft. Zuerst war mein Bruder lustig und fidel, aber so nach und nach trübte sich seine Stimmung, er mußte sich das doch wohl anders gedacht haben vom Arbeiten, oder hatte er Heimweh?

Er kam oft spät nach Hause, hinterher erfuhr meine Mutter denn, daß er bei seinen Flegeeltern war, auch Sonntags suchte er so viel, wie möglich, dort zu sein, konnte man ihn verdenken? Mutter sah das nicht ein, sondern schimpfte ihn. Sollte er die paar Mark die er verdiente abgeben, so fehlte jedesmal was daran, fragte meine Mutter wie das käme, dann sagte er, er hätte nicht mehr bekommen. Bis Mutter dann mal nach dem Meister ging, da stellte sich heraus das er das Geld für sich verbraucht hatte. Nicht lange darauf, kam er an einem Sonnabend mit zerrissenen Kleidern nach Haus, sagte er wäre überfallen worden, alles Geld wäre ihm weggenommen. Der Schreck meiner Mutter war groß, denn sie brauchte so nötig das Geld. Am Montag früh ging mein Bruder wie gewöhnlich zur Arbeit, kam aber abends nicht zu Hause, am Dienstag bekam Mutter eine Karte, er hätte mit seinem Meister nach einer entfernten Stadt auf Reparatur müssen. Ende der Woche käme er wieder. Das Ende der Woche kam und noch viele andere, aber mein Bruder kam nicht wieder. Mit der Reparatur wär es Schwindel, wie meine Mutter erfuhr. Er war in die Welt gegangen, weil er es zu Hause nicht mehr aushielt. Lange hörten wir nichts von ihm 1/2 Jahr war er schon fort, dann bekamen wir die erste Karte. Mutter möchte ihm verzeihen, er hätte nicht anders gekonnt. Er wäre jetzt auf einem Schiff und wollte nach Amerika. Mutter schrieb ihm dann auch gleich hin, er solle doch wieder zu Hause kommen und nicht nach Amerika gehen, dachte sie doch, das ist am Ende der Welt, von dort kommt er nie zurück. Zu Hause gekommen ist er ja nicht, nach Amerika gedampft auch nicht, sondern hat sich in der Welt rumgetrieben, so gut es eben ging, geschrieben hat er auch hin und wieder mal, gebettelt hätte er, um seinen Hunger zu stillen, mal hat er mit Fleckseife gehandelt, die er und sein Komplize fabriziert hätten.

4 Jahre war er dann weg, dann kam er wieder, aber nicht zu uns sondern zu seine Pflegeeltern, nicht lange danach wurde er zum Militär eingezogen. Ein stattlicher Mann war er geworden, groß und stark, nicht zum Wiedererkennen. So war also die Hoffnung meiner Mutter auf diesen Sohn arg getäuscht. Meine Schwester mußte ihre Näherei aufgeben, weil sie zu wenig verdiente und so mußte sie nach der Spinnerei gehen. Meine andere Schwester Luise und ich, wir hatten immer Stellen bei Kindern, wo der Verdienst auch nicht größer war, wie eine Mark die Woche, so haben wir uns doch gefreut, Mutter zu helfen. Ich war beim Bäcker, bekam jeden Nachmittag und oft noch abends mein Essen, dazu am Schluß der Woche ein Markbrot mit nach Hause. Es kam auch oft vor, daß ich noch extra 50 Pf von meiner Stelle bekam, den bekam Mutter dann auch immer, das war jedesmal eine große Freude für mich, zu sehen, wie Mutter sich freute über jedes Geldstück, was ich ihr brachte, wenn ich mal irgend für einen Gang belohnt war, nie habe ich Geld behalten, alles bekam Mutter.

War auch meine Kindheit mit manchem Schweren belastet, so denke ich aber doch heute noch mit Sehnsucht zurück, ja ich wünsche mir noch oft die Zeit heran, so traurig sie auch oft war. Wir wohnten in dem schönen Teutoburger Walde. Osterfeiertag gingen wir früh morgens schon in den Wald, Veilchen suchen, abends wurden dann die Osterfeuer hoch oben vom Berge abgebrannt, das war eine Freude, wochenlang vorher war dazu schon aufgestapelt, ein jeder wollte das größte Feuer haben. Mutter backte unterdes Eierkuchen, es ist so Mode da, das zu Ostern statt Eier, Eierkuchen gegessen wird. War nun das Feuer ausgebrannt, suchten die jungen Burschen die ausgebrannten Kohlen, um ihre Mädels schwarz zu machen, das war jedesmal ein Ulk, wie Schornsteinfeger sahen manche aus. Natürlich fehlte auch die Schnapsflasche nicht dabei, um die Stimmung noch zu erhöhen. Auch an Weihnachten denke ich immer noch gern zurück, als Kind freut man sich über jedes Geschenk und wenn es auch noch so klein war, ein Baum haben wir nie geputzt, wir gingen immer zum Nachbar, um uns dessen Baum anzusehen, durften auch mal ein Stück runter nehmern, denn die Bäume damals wurden nicht mit Glassachen, sondern mit Eswarn behangen, sonst waren unsere Geschenke ja mal gering, nur nötige Sachen bekamen wir, gewöhnlich ein Schal buntes Taschentuch oder Schreibheft, auch Nüsse, Apfel und Kuchen. Zu Festtagen bestellte Mutter immer beim Bäcker ein Korintenbrod, das war immer was extra denn sonst hatten wir nur Schwarzbrot. Im Sommer gingen meine beiden Schwestern und ich des Sonntags früh nach dem Walde, jeder einen großen Sack mit, um Futter für die Ziegen zu holen, kamen wir dann zu Hause, stand eine große Schüssel voll gekochte Milch mit eingebrocktes Brot auf dem Tisch, das war dann eine leckere Mahlzeit, so ausgehungert, wie wir dann waren, das hat uns dann geschmeckt besser, wie der schönste Kuchen.

Später kamen dann auch noch die schönen Erdbeeren und Blaubeeren. Meine andere Schwester Luise kam nun auch aus der Schule, auch sie mußte nach der Spinnerei aber nicht lange, denn statt die Kinder in dem Alter aufblühen, wurden meine Schwestern immer weniger. Es glückte Mutter dann auch, die beiden in einer Weberei unterzubringen, der Verdienst war ja geringer, aber die Arbeit besser und gesünder, ich war ja nun auch schon soweit, daß ich halbe Tage mit in der Weberei als Spulerin konnte beschäftigt werden; was also die beiden weniger verdienten, brachte ich schon wieder zu. So bin ich denn kaum 12 Jahre alt, frühmorgens in die Schule, Mutter brachte mir dann das Essen nach Schluß der Schule vor die Schultür, und ich mußte dann noch 3/4 Stunde bis zur Weberei in Bielefeld laufen, um meinen beiden Geschwistern das warme Mittagessen mitzunehmen und dann bis abends 7 Uhr für 45 Pf dazubleiben. 8 Uhr abends waren wir zu Hause. Schularbeit machen und dann ins Bett, das war da mein Leben, Mutter im Hause oder auf dem Lande helfen, war vorbei, wir mußten ja für Geld sorgen, das fehlte uns immer.

Mutter fühlte sich auch nicht mehr so kräftig, allein den ganzen Acker zu versorgen und so lies sie sich denn bereden, einen Mann in Kost zu nehmen, dem kürzlich dei Frau gestorben war, er wollte Mutter helfen in allem, er zog auch zu uns mit seinen beiden Jungen, unser Haus war ja auch nicht voll genug, Mutter mußte noch mehr zu tun haben. Daß Mutter sich da noch bereden lies, konnten wir ihr lange nicht verzeihen, sie kannte doch den Mann nur als Trinker und sehr brutal, aber Mutter war schwach, sie gab leicht nach, sie hat es auch nachher bitter bereut, als es zu spät war.

Zuerst war er der beste Mann, hatte immer Arbeit als Steinklopfer, gab auch Geld ab, ja es schien, als ob er sich bessern wollte, nun er wieder ein geregelt Leben hatte. Aber nach und nach kam er wieder in seinen alten Fehler. War er betrunken, benahm er sich wie Herr im Hause, wir, Kinder, flüsterten dann immer in der Ecke. Die Nachbarn mußten dann oft zu Hilfe kommen, um den Tobsüchtigen zu bändigen, hatte er seinen Rausch dann ausgeschlafen, war er der beste Mann. Das konnte dann wieder eine ganze Zeit gut gehen, bis der Koller dann wieder kam. Wie oft kamen wir 3 Geschwister. Abends von der Arbeit, schon von weitem hörten wir ihn toben, alles wollte er entzweischlagen, immer mußten die Nachbarn ihn bändigen und zur Ruhe bringen. Mit Grauen denke ich noch oft an jene Zeit zurück, wie manchen Abend haben wir uns in Schlaf geweint und den Mann verflucht, der unsre Ruhe störte, bis sich denn mein Vormund ins Mittel legte, auch mein Großvater lebte damals noch, vielleicht hat auch er das zuwege gebracht, genug, Mutter mußte nach dem Amt kommen, und da wurde ihr die Wahl gelassen, entweder den Mann rauszuschmeißen, oder die Kinder würden ihr genommen. Der Vormund hat dann auch noch dafür gewirkt, daß Mutter die Hälfte der Unterstützung entzogen wurde, das wurde zum Sparen nach der Kasse geschickt, wir Kinder sollten später was haben, der Gedanke war ja ganz gut, aber Mutter mußte wieder mehr einrichten. Aber ich weiß nun nicht, wie es kam, gegangen ist der Mann nicht, er hatte wohl Besserung gelobt, und dann wurde er krank, sehr schnell ging es mit ihm zu Ende, galoppierende Schwindsucht sagte der Arzt. Bis er dann eines Tages Blutsturz bekam, das war das Ende. Wir waren erlöst und atmeten auf. Nun kam ich auch aus der Schule zu einem braunen Prüfungskleid langte es noch, aber ein schwarzes Einsegnungskleid konnte Mutter nicht anschaffen, ich sollte in demselben Kleid zur Kirche gehen, was Anna und nachdem Luise getragen hatten, oder ich sollte zum Pfarrer gehen und den bitten um Stoff zum Kleid, es bekamen ja damals oft arme Kinder, die keinen Vater mehr hatten, Einsegnungskleider, aber ich war nicht zu bewegen, dem Pfarrer die Bitte vorzubringen, denn nach meinem Begriff war ich doch nicht arm, Mutter bekam Unterstützung und ich verdiente doch schon was; so habe ich mir denn gefügt, das alte kleid angezogen und bin darin eingesegnet worden.

Wir hatten mit Mutter schon mehrmals darüber gesprochen, doch in die Nähe unsrer Arbeit zu ziehen, denn wir mußten jeden Morgen und Abend fast 1 Stunde laufen, abgespannt kamen wir schon bei die Arbeit an, und Abends zurück zu Hause. Mutter wollte erst nicht, recht hatte sie doch die ganzen Jahre da gewohnt, ihr Land in guter Ordnung, und denn kam auch noch was dazu, was ihr noch festhielt. Anna wurde krank, schwer krank von der Arbeit nach Hause gebracht, plötzlich war das gekommen, wochenlang hat sie gelegen, oft ohne Besinnung, was ihr gefehlt hat, ich weiß es bis Heute noch nicht, der Arzt kam tälich, ich kann mir noch besinnen, daß Mutter Eis besorgen mußte. Sie hat es aber überstanden, als sie dann besser war, verlor sie ihre ganzen Haare und es hat lange gedauert, bis sie wieder soweit war, um mit uns zur Arbeit zu gehen.

Als sie dann wieder bei voller Gesundheit frisch und kräftig war, knüpfte sie mit einem jungen Mann Verkehr an. Jung und unerfahren war das Unglück bald da. Mutter war trostlos, kaum 13 Jahre alt war Anna, als sie einen kl. Jungen gebar. Heiraten konnten sie noch nicht, da der junge Mann noch Soldat werden mußte. So war unsere Familie wieder um eins größer und Mutter hatte mehr Arbeit, nun gingen wir auf die Wohnungssuche, hatten denn auch bald eine passende gefunden. In einem Hause, wo vorne eine Kneipe war und hinten unsrer Wohnung. Aber es wäre besser gewesen, wir wären geblieben, wo wir waren, denn Ruhe und Frieden haben wir auch darin nicht gehabt. Kam es nun das Mutter aus Gram, nun den Fehltritt ihrer Tochter Vergessen suchte, genug sie bekam Geschmack am Alkohol. Zuerst hatte sie oft Magenschmerzen, dafür war ein Bitter gut, aber das wiederholte sich so oft, daß wir alles Schlimme befürchteten. Jetzt erst begriffen wir, was wir mit unserm Wohnungswechsel erreicht hatten, auch hatten wir eine Nachbarin, auch eine Wittwe, die auch mal gerne einen trank, dazu denn noch die gute Gelegenheit vorne im Hause, wer kann es da die gequälten Frauen verdenken, wenn sie im Schnaps vergessen suchen. Aber wir, wir mußten drunter leiden, waren wir bis dahin mit Mutter eins gewesen, so kam es jetz öfter vor, daß Mutter von uns was hören mußte, was nicht schön war, die Harmonie war vorbei und besser wurde es gewiß nicht. Immer schlimmer wurde das jefz mit Mutter, oft kamen wir Kinder zu Hause die Kinder allein in der Stabe auf die Frage, wo ist Mutter, hieß es bei der Nachbarin. Da saßen denn die beiden den Tröster auf dem Tische. Es kam ja auch mal daß Mutter selbst einsah, was sie machte, aber das hielt nicht lange an, die Verführung war ja auch zu groß. In der Kneipe waren auch zugleich alle Lebensmittel zu bekommen, außerdem verkehrten dort die sämtlichen Flaschenarbeiter von der Hütte. Kam Mutter nun mal vorne hin, um was zu holen und es waren Gäste da, dann mußte Mutter mit anstoßen auf das Wohl ihrer 3 Töchter, jeder war dann ihr Schwiegersohn. Unter diesen Verhältnissen war gar nicht daran zu denken, Matter anders zu bekommen. Ja, sie konnte nicht anders werden. Von uns sah sie nur verstimmte Gesichter, wenn wir zu Hause kamen und sie war vorne. Uns fehlte eine kräftige Vaterhand. Mutter war zu schwach, um uns zu stützen und so suchte denn ein jedes von uns noch ein wenig Annäherung und Liebe. Unerfahren und dumm in diesen Sachen ist es da ein Wunder, wenn eins nach dem andern fiel. Heute ist das was anders, heute gibt es Belehrungen und Bücher, heute weis jedes junge Mädchen sich zu helfen und ist schlauer, als wir damals waren. Wir lebten in unserer Dummheit weiter und mußten fallen. Anna hatte doch schon ihren Jungen war schon 2 Jahre alt, sie hatte schon wieder Verkehr, sollte auch wieder was kleines kommen. Kurz vor der Geburt des Kindes hat sie dann noch geheiratet, blieb aber zu Hause, weil der junge Mann noch 3 Jahre dienen maßte. Auch Luise hatte Verkehr, es dauerte nicht lange, dann hieß es auch, sie muß heiraten, 8 Tage nach der Hochzeit bekam sie ein kl Mädchen. Das war alles so aufeinander, daß Mutter garnicht zur Besinnung kam, und wir auch nicht. Meine jüngste Schwester war nun auch schon 11 Jahre alt und die mußte die Kinder verwarten.

So standen die Dinge, Anna, ihr Bräutigam beim Militär, Luise mit ihrem kl Mädchen, auch noch im Hause, als ich den letzten Trumpf machte. Jetz, wo ich älter bin, kann ich Mutter verstehen, daß sie aus Verzweiflung zur Flasche griff, statt uns zu verbieten, Männer ins Haus zu bringen, setzte sie sich zur Nachbarin, und die Flasche wurde nicht leer. So uns selbst überlassen ohne alles Nachdenken stürzten wir ins Verderben, die Reue kam zu spät. 16 Jahre war ich alt, als ich fröhlich lachend der Mutter sagte, ich habe jetzt auch einen Bräutigam. O, hätte mich Mutter damals durch-gehauen, wie ich es verdiente, daß ich nicht mehr aufstehen konnte, ich hätte ihr noch heute dafür gedankt! Sie aber lachte und hieß meinen Bräutigam willkommen. Mein ältester Bruder war nun auch schon vom Militär entlassen, hatte kurz nachdem ein Mädchen geheiratet, die ihm etwas Vermögen mitbrachte. Solange Geld, da ging ja alles gut, viel Lust zum arbeiten hatte er nicht, kam oft Montags gar nicht zur Arbeit, und so kam es denn, daß er oft wechselte; nicht richtig ausgelernt in der Fremde rumgebummelt war er in seinem ganzen Fortkommen gestört. Zuletz fand er noch selten Arbeit, ein St nach dem andern von seine schöne Einrichtung wurde versetz nur um leben zu können. Wie oft kam er zur Mutter, um noch von ihr das letzte zu erbetteln, trotzdem er ihr nie unterstützt hatte, aber jetz konnte er sie finden, und Mutter gab, solange sie geben konnte. Aber alles nutzte nichts, es ging unaufhaltsam mehr zurück. Dann blieb er mal eine ganze Zeit weg, bis wir von Hamburg Nachricht bekamen, daß er dort wäre, um sich Arbeit zu suchen, seine Frau und Kind waren in Bielefeld. Die Sehnsucht nach der Ferne wird ihm wohl wieder überkommen sein. Es war ein großer Fehler meiner Mutter, ihn aus seinem gewonten Familienleben herauszunehmen, das hat seine ganze Zukunft verdorben. Es dauerte denn auch nicht lange, dann kam seine Frau und sagte, Karl wäre in einem Hamburger Krankenhause gestorben, sie hätte Nachricht bekommen. Wir wollten das erst gar nicht glauben, dachten wir doch, er wollte verschwinden, aber ein amtlicher Totenschein von dort mußte uns glauben machen, 3 Jahre danach hat meine Schwägerin wieder geheiratet.

So ging die Zeit hin, 2 Jahre war es nun schon her, als ich zur Mutter sagte, ich habe einen Bräutigam, da sollte auch für uns die schwache Stunde kommen, 19 Jahre war ich alt, als auch ich Mutter ein kleines Mädchem mehr ins Haus brachte. Zum Glück war Anna aus dem Hause, Luise mit ihrem Mädchen bei uns, und 8 Tage nach meiner Niederkunft bekam auch Luise ihr 2tes bei uns im Hause. Nachdem sie dann wieder aufstehen konnte, hat sie ja auch gleich ihre Wohnung eingerichtet. Es war sonderbar, alle uns 3 Mädchen wollte es das Unglück, daß wir vorher nicht heiraten konnten, wir waren uns darin eineig und mußten Mutter erst die Last aufbürden, uns aus dem Schlimmsten raus zu helfen. Sollte eine Mutter da nicht zusammenbrechen? Wir waren noch zu jung, der Vater war auch erst 19 Jahre alt und das Gesetz schreibt ein Alter von 20 Jahren vor. Außerdem mußte er auch noch für seinen Vater sorgen und alle Monate bezahlen. Vom Militär war euer Vater frei, denn sonst wäre ja sein Vater der Gemeinde zur Last gefallen. Als meine kleine Emilie dann 3 Wochen alt war, bin ich dann auf Anraten vom later zu seinem Bruder Teodor gekommen, wo er auch war. 1/2 Jahr war ich dort, dann ging ich wieder zur Mutter. Ich ging wieder nach der Weberei und Mutter behielt die Kleine. 2 Jahre war Emilie schon alt, als wir heirateten, ich hatte kein Vermögen, denn wovon sollte ich welches haben. 21 Jahre war ich alt, nun konnte ich mir auch die paar Mark von der Kasse holen, die der Vormund uns von der Unterstützung eingezahlt hatte. Eine Bettstelle, Kommode und das allernötigste an Wäsche konnte ich dafür kaufen, dann war es alles. Unsere Hochzeit war 12 Okt 1889 in Erackwede bei meiner Mutter, 8 Tage blieben wir noch, dann gings zum ersten mal in die Welt hinaus, Vater hatte seine letzte Arbeitsstelle in Hainholz bei Hannover aufgegeben, in Westerberg (3) neue angenommen. Dorthin ging nun unsere Reise dem schönen Harz entgegen, unterwegs stiegen wir noch in Hannover aus, um uns dort in eunem bekannten Abzahlungsgeschäft Küchenspind 28 M 2 Stühle a 3M = 34M mitzunehmen, daß heißt schicken zu lassen. Vater hatte auch schon vorher sich einen Anzug von dort entnommen für 66M, es waren also bare 106M Schulden, die wir gleich mit in die Ehe nahmen. 10M Monate sollten wir abzahlen. Aber trotz alledem ich war doch glücklich, ich malte mir das so schön aus, ein eigenes Heim, wie wollte ich schaffen und sparen, daß die Schulden bald abgezahlt würden. Den alten Vater nahmen wir auch zu uns, die Arbeit ging auch gut und so kam ich denn über die Trennung von zu Hause ganz leicht hinweg, trotzdem das Leiden meiner Mutter eher zu, als abgenommen hatte, aber es gab doch auch wieder Augenblicke, wo man sich am besten mit der Mutter aussprechen kann. Ich konnte meiner Mutter nie recht gram sein, da wir auch ein großes Teil Schuld mit hatten, zu ihrer Verfehlung. Zu Weihnachten mußte ich denn auch wieder hin zu ihr, es hielt mir nicht länger, ich hatte schon so manches auf dem Herzen, was ich ihr sagen mußte. Mein kleines Milchen nahm ich mit, die Freude war groß, in Brackwede 8 Tage blieb ich dann, da hieß es wieder fort. Westerberg liegt eisam am hohen Berge, 1 Stunde von der Bahn entfernt. Eine schöne Wohnung hatten wir bekommen, ein ehemaliges Komptor von der Firma. Eine schöne Winterlandschaft, sah ich aus dem Fenster, konnte ich die Rehe auf dem Schnee nach ein grünes Hälmchen suchen sehen, viel Land war auch da, jeder Glasarbeiter hatte dort sein Land. Auch wir hatten uns schon was ausgesucht. Schwager Teodor war mit seinener Familie auch schon eingetroffen, und so wollten wir uns denn dort recht häuslich festsetzen. Aber durch die Rechnung wurde ein Strich gegemacht. Ich muß sagen, meine Kinderich hatte mir von der Ehe ein recht glückliches Zusammenleben erhofft, aber bei uns war das nicht so. Vater ging oft fort des Abends nach Versammlung. Fachvereine wurden gegründet, dafür war er Feuer und Flamme, seine Frau konnte zu Hause sitzen die langen Abende, zwar war ja auch der alte Großvater bei uns. Aber was sollte ich mir mit dem erzählen, und zu Schwager Teodor gehen und das Geschrei der Kinder anhören? Es dauerte auch nicht lange, dann wurde die Gründer des Vereins gekündigt, an erster Stelle euer Vater. Entweder den Verein entsagen oder aufhören. Nach allen Hütten wurden von der Firma aus schwarze Listen gesand, keinen in Arbeit zu nehmen. Kaum 4 Monat waren wir dort, dann mußten wir unsre paar Sachen wieder aufnehmen und nach Ahlfeld in der nächsten Stadt eine Wohnung suchen. Ein befreundeter Schuster nahm uns auf. Arbeit hatte Vater noch nicht, die mußte er sich erst suchen. Nun saß ich mit Großvater und Milchen in dem kleinen Loch von Zimmer, wir mußten noch froh sein, daß sich einer unser erbarmt hatte und uns aufnahm, war doch Vater in der ganzen Gegend verhaßt, als Aufrührer. Vater ging jetzt auf Reisen, Arbeit zu suchen. Mitleidige Kollegen schickten mir hin und wieder einige Male, damit wir nicht verhungerten. Das war ein schöner Anfang unserer Ehe, aber es sollte noch besser kommen. 3 Wochen hat es dann gedauert, bis Vater Arbeit fand in 0ttensen bei Hamburg. Aber kaum hatte er die erste Schicht gemacht, als es den Herren bekannt wurde, was für einen sie in Arbeit genommen hatten, und so mußte er sofort wieder aufhören. Zum Glück bekam er dann aber doch wieder Arbeit in Bergedorf. Vater kam denn auch gleich, half die Sachen nach der Bahn zu bringen und wir fuhren ab. Ein Onkel von Vater wohnte in Ottensen, bei dem blieben wir dann solange, bis die Sachen ankamen. Das war Anfang April. Jetz war ich vom Harz nach Hamburg gekommen. Anfang Mai kam auch noch Schwager Teodor mit seiner großen Familie nach, das kleinste war vor 1 Woche geboren, so waren wir denn wieder zusammen. Ja, Kinder, das Leben der Glasarbeiter ist, wie das der Zigeuner, das kam mir jetz schon zum Bewußtsein. Wechseln sie die Arbeit, wechseln sie auch den Ort. Gar keine Gedanken hab ich mir vorher darüber gemacht, auch keiner mir darüber aufgeklärt, sonst hätte ich nie einen Glasarbeiter geheiratet, das war schon jetz nach meinem kurzen Eheleben mein Grundsatz. Meine Liebe zur Heimat war groß, aber nie wieder sollte mein Wohnsitz dort sein. Nun ging das Arbeiten in Bergedorf los, eine Hütte, wo es nicht so genau darauf ankam was für Gesinnung, darum strömte denn da auch alles zusammen, was anderwärts nicht zu gebrauchen war, aber sonst tüchtige Leute in ihrem Fach. Es dauerte aber nicht lange, dann wurde schon so allerhand gemunkelt. Fachverein war ja auch dort schon wieder gegründet, aber weshalb sollte die Firma das nicht gestatten, sie wußte doch, was sie für Arbeiter angenommen hatte. Da kam Vater eines Tages von der Arbeit und sagte, die Direction hätte anschlagen lassen, alle aus dem Verein, oder die Arbeit verlassen. Wer sich unterschreiben wollte, keinem Verein anzugehören, der könnte bleiben. Es hieß sogar, daß auf allen Hütten dieselbe Parole ausgehangen war, keiner durfte einer Vereinigung angehören, oder er mußte die Arbeit verlassen.

Ich war in Politik noch sehr zurück, Vater hat mir nie darüber aufgeklärt, er war auch wenig zu Hause, und so faßte ich denn eine Hoffnung, die ich schon lange gehegt hatte, aber Vater gegenüber noch nie erwähnt, wären wir doch in Erackwede, da ist doch auch eine Hütte, da hab ich doch Vater kennengelernt und der Hüttenherr kennt doch Vater auch ganz genau, daß er seine Arbeit versteht. In meiner Dummheit bedachte ich nicht die Folgen und die waren schrecklich für mich. Ich schrieb nämlich heimlich ohne Wissen des Vaters nach dem Hüttenherrn, dachte ich doch, Vater eine extra Freude zu bereiten, wenn ich vor ihn hintrete und sage, ich hab dir Arbeit beschafft. Ich schrieb nach Erackwede, daß hier die Arbeiter sich alle unetrschreiben sollten, dem Verein nicht anzugehören, wenn das, wie ich gehört habe, auf allen Hütten verlangt wird, so möchte er doch Vater in Arbeit nehmen, er könnte sich ja auch dann in Brackwede unterschreiben. 2 Tage darauf steht mein Brief wörtlich abgedruckt in der Bergedorfer Arbeiterzeitung. Nun könnt ihr euch vorstellen, was jetz kam, nicht das Vater mir gegenüber grob wurde, nein, leid hat er mir getan, denn nun erst kam es mir zum Bewußtsein, was ich angerichtet hatte. War er doch der Führer der Kollegen, jetzt war das Zutrauen erschüttert, lange hat es gedauert, bis die Kollegen wieder volles Vertrauen zu ihm hatten. Ich hab dann in der Zeitung eine Erklärung abgegeben, daß der Brief ohne Wissen meines Mannes abgeschickt worden wäre. Hätte damals Vater die Gabe besessen mir ein wenig aufzuklären, es wäre manches anders geworden, sagte ich mal was oder redete dagegen, wies er mich schroff zurecht oder war empört über meine Meinung. Heute denke ich darüber anders. Ja, warum sollte ich aufgeklärt sein. Nach Versammlungen kam ich nicht. Bücher hatte ich bis jetz nur Romane gelesen. Hätte Vater ein wenig Geduld mit mir gehabt und die Gabe besessen, mir nach und nach zu sich ran zu ziehen, es wäre manches anders geworden. Aber so lebte ich dahin, wagte zuletz gar nicht mehr, mir unverständliches von ihm erklären zu lassen. Nach diesem Vorkommnis war nun meine ganze Hoffnung geschwunden jemals wieder nach Brackwede hin zu kommen. Unterschrieben hat sich in Bergedorf ja keiner, alle waren fest, und die Folge war, daß Anfang August sämmtliche Arbeiter die Arbeit niederlegten. Zugleich auch innerhalb 24 Stunden die Wohnung räumen mußten. Die Glasarbeiter haben nähmlich, wie es Brauch auf allen Hütten ist, zugleich eine Wohnung von der Fabrik. Ja, wo nun hin, mit soviel Familien in so kurzer Zeit (150 Familien). Bergedorf ist nur klein, viele, die wohl Platz hatten gaben nicht her, und so mußten denn die meisten ihre Sachen erst in einem großen Saal unterstellen, bis nach und nach Wohnungen gefunden waren. Auch unsre Sachen kamen dorthin, geschlafen haben wir 2 Nächte in der Herberge, dann glückte es uns ein schräges Dachzimmerchen zu finden. Nur ein Bett, Kommode, Tisch und 2 Stühle hatte Platz darin, auch den Kanonenofen will ich nicht vergessen, der immer so furchtbar rumste. Großvater mußte immer alles mittmachen trotzdem, er schon so alt war, er war so ein alter ruhiger Mann und hat mir oft leid getan. Sein Bett wurde draußen vor unsre Tür unter die Treppe aufgestellt. Es war ja noch nicht so kalt, er war auch zufrieden damit, zufrieden war er immer und glücklich, wenn er mir mal eine Mahlzeit Fische bringen konnte, denn er angelte zu gerne. Stundenlang konnte er am Wasser sitzen, ehe er mal einen Fisch bekam, mitunter hatte er ja auch Glück und dann kam er freudestrahlend nach Hause. Der alte Mann hatte auch schon vieles durchgemacht von einem Kinde zum andern, ja er ist mal von Brackwede bis Eickel zu Fuß gewandert nach seiner Tochter, natürlich heimlich, mit ganz wunden Füßen kam er dort an, da ist er denn auch geblieben, bis wir ihn zu uns nahmen. Nun muß er mit uns die Welt durchwandern, aber es scheint ihm Spaß zu machen, nur hin und wieder mal einen Schnaps, dann ist er zufrieden.

In diesem schrägen Dachzimmerchen ist nun Mitte September Rudolf geboren. Großvater war unsre Not, Unterstützung bekamen wir sehr wenig. Die Wirtsfrau und gute Nachbarn haben mir manchen Topf kräftige Suppe gebracht, wovon ich und auch Emilie uns satt essen konnten, die andern mußten eben sehen, wie sie durchkamen. Es war nämlich damals noch Brauch, daß man von fremde Hütten noch Vorschuß bekam, wenn man dort Arbeit annahm, auch wir hatten Vorschuß erhalten, und darum konnten wir niemals dran denken, uns etwas zurückzulegen, wir mußten immer erst den Vorschuß abarbeiten, bekamen also nur das Allernötigste, um leben zu können, deßhalb die große Armut, als wir die Hütte verließen, ich glaube sogar, ohne einen Pf ausbezahlt, auch erhalten. Wir waren ja jung und zufrieden mit 1 St Brod, aber die Kräfte verließen uns doch. Ich war ja jetz glücklich, ich hatte einen Jungen, den ich mir immer gewünscht hatte, darüber habe ich denn manches Leid vergessen, wenn ich den Kleinen an die Brust drücken konnte. Aber auch Vater war glücklich, es schien als wäre das Schlimme überwunden, waren sie doch jetz dabei, einen Verband der Glasarbeiter über ganz Deutschland zu gründen. Derselbe ist denn auch noch im selben Jahr noch zustande gekommen und er besteht heute noch. Arbeit auf andre Hütten zu bekommen, war gar nicht dran zu denken, die Bergedorfer Kollegen standen alle auf der schwarzen Liste. Aber was sollte aus uns werden, der Winter kam dazu, hatte noch mein kleiner Sohn starken Husten bekommen, auch an den Großvater dachte ich, der konnte doch nicht draußen auf der Treppe im Winter schlafen. 2 Monate war es nun schon her, Schwager Teodor haußte mit seiner Familie auch in so ein kl. Loch, dazu die vielen kleinen Kinder, es war ein Jammer, aber was sollten wir machen, es war durchaus keine Aussicht auf Arbeit. Unterstützung gab es ja jetz wohl etwas mehr, aber doch nur soviel, um zu leben, aber nichts weiter, wir hatten doch auch noch abzuzahlen. Euer Vater war ja den ganzen Tag im Streikbüro, kam er zu Hause, legte er sich schlafen. So ging es aber wirklich nicht weiter. Es war schon empfindlich kalt, da entschloß sich der Vater wieder zu reisen, hoffte er denn doch, irgendwo eine Hütte anzutreffen, die das mit dem Verband nicht 30 genau nahm, Schwager Teodor war auch dafür und so wurde denn das letzte Geld zusammen gesucht und die beiden reisten ab, ihr Glück zu versuchen.

Nach 8 Tagen bekamen wir dann die Nachricht: "Arbeit gefunden in Hörstel (Westfalen), macht euch bereit wir schicken Geld". Wer war glücklicher wie ich, hatte doch mein Rudolf durch das fortwährende Rauchen des Ofen einen Stickhusten bekommen, ja einmal war der Anfall so schlimm, daß er wie tot auf den Armen hing. Nun hatte ich Aussicht, in bessere Luft zu kommen, darum Hoffnung auf Heilung des Hustens. 2 Tage nachdem bekam ich denn auch 100 M zugesandt. Das war wieder Vorschuß, aber ich war froh, als ich das Geld hatte. Voller Freude lief ich nach meiner Schwägerin, auch sie hatte 100 M erhalten. Nun ging es ans Packen und Einkaufen. Aber auf einmal viel mir ein, dein Kind ist ja noch nicht getauft, als Heide kanst du das doch nicht mit auf die Bahn nenmen, es würde ja gar nicht lebend dort ankommen. 0 heilige Dummheit.

So rannte ich denn hin und dort, bis alles erledigt war. Dann nahm ich mein Kind auf den Arm Emilie an meiner Seite, so schritten wir zur Kirche hin vor den Pfarrer, um der heiligen Handlung Genüge zu tun. Heute lache ich darüber, aber damals war es noch meine feste Überzeugung. Als nun alles erledigt war, Miethe hatte ich auch noch zu bezahlen, war mein Geld schon tüchtig zusammen geschmolzen, aber es hat noch gereicht, bis wir an Ort und Stelle waren. Anfang Dezember kamen wir in Hörstel an. Die Hüttenwohnungen waren alle bewohnt und so mußten wir ins Dorf bei einem Bauern ziehen. Es war sehr kalt, Rudolf hustete noch immer, aber er hatte sich doch ganz gut rausgemacht, bekam er doch die Mutterbrust. Die Arbeit ging auch ganz gut, ich schmiedete schon Pläne, wenn erst der Vorschuß abgearbeitet ist, kaufst du dir aber ein Kleiderspind, bis jetz waren wir noch nicht dazu gekommen. Einen Tisch und Bank hatten wir uns schon in Wetserberg machen lassen. Es ging eine Zeitlang auch ganz gut mit der Arbeit, bis dann viel über schlechtes Glas geklagt wurde, oder der Hüttenherr mußte aussetzen lassen, weil er keine Feuerung hatte. Der Verdienst wurde weniger. Dann auch fingen die Arbeiter an zu murren, sie verlangten regelmäßige Arbeit, und das auch mit vollem Recht. Da kommt Vater eines Tages, es war wieder im August wie vor einem Jahre, mit der Nachricht zu Hause, die Fabrik ist geschlossen, keine Feuerung da. Das war aber wohl nicht der alleinige Grund. Diese Fabrik war ein neues Unternehmen, sei es nun das Geld fehlte oder war noch was anders im Spiele, denn die Arbeiter bestanden meistens aus Leute, die auf die schwarze Liste standen, ich weis es nicht, die Hütte wurde ausgelöscht und wir konnten wandern. 8 Monate hatten wir ein Heim gehabt, 1 Kleiderspind, Tisch und 2 Stühle hatten wir auf einer Auction gekauft, aber leider noch nicht alles bezahlt, darum mußten wir alles wieder zurück lassen. Der Schlag traf alle hart, hatte doch ein jeder gehofft, dort ein längeres Heim zuhaben. Wir mußten die Wohnung räumen und wußten nicht wohin. Mein erster Gedanke war Mutter, ja zur Mutter mußte ich, hatte sie doch auch meinen Jungen noch nicht gesehen, er war nun bald 1 Jahr alt. Unsre Sachen wurden wieder in einen Schuppen untergestellt, ich reiste zu Hause mit den 2 Kinder. Vater blieb einstweilen am Ort, um die Verbandsangelegenheiten in Ordnung zu halten, und die Unterstützung auszuzahlen. Später kam er denn auch nach Brackwede auf einige Tage, reiste dann nach Wanne zur Schwester, welche ich noch gar nicht kannte. Großvater war noch bei Teodor in Hösstel verblieben. 4 Wochen war ich nun schon in Brackwede, länger konnte ich doch aber nicht Mutter zur Last fallen, ich schrieb also nach Vater, der schon wieder in Hörstel war, er möchte sich nach einer Wohnung umsehen, ich wollte zu Hause. Ich reiste denn auch bald ab, kam in Hörstel gerade an, als unsere paar Sachen auf den Wagen geladen wurden, die gekauften mußten zurück bleiben, die waren ja noch nicht ganz bezahlt, und die Wohnung war auch zu klein, um die alle unterzubringen. Vater tröstete mich damit, die holen wir uns später, aber das Später ist nie gekommen, ich habe sie nicht wiedergesehen. In einem Dorf Benerbern(?), 2 Std von der Bahn, machten wir halt, hier war unsre Wohnung bei einem Bauern, wo wir die Kühe immer blöken hören konnten, die Hühner kamen in unsre Stube. Aber es wurde schon kalt und wir hatten ein Dach über dem Kopfe. Schwager Teodor zog nach einigen Tagen auch dorthin, denn immer konnten sie doch nicht im Saale kampieren, was sie bis dahin getan hatten. Kaum hatte ich meine Sachen untergestellt, war auch Großvater wieder bei mir, ja, ich glaube, er freute sich sehr, daß ich wieder da war, Rudolf konnte nun auch schon alleine laufen. Bei dem Bauern hatten wir es eigentlich gut, manchen Topf voll Milch habe ich bekommen. Nachmittags hab ich geholfen Kartoffel auszubuddeln, dafür hatte ich Essen und bekam noch Kartoffel extra dafür. Geld und Milch bekam ich auch noch. Emilie nahm ich mit und Großvater blieb beim Jungen. Eines abends brachte sie uns ein großes Teller voll Kartoffelpuffer, dazu 2 Satten Milch , wir konnten uns alle dran satt essen. Aber es wurde Herbst und noch immer keine Aussicht auf Arbeit. Vater war den ganzen Tag im Streikbüro, den bekam ich nur morgens und abends zusehen, viel Worte haben wir zusammen nicht gewechselt. Er hatte mir eine Wohnung besorgt und das genügte nach seiner Meinung. Aber oft habe ich mir doch gesehnt nach einem Menschen, der mich versteht, Vater verstand mich nicht, wir waren nie einer Meinung. Ich hab es denn auch aufgegeben, ihm irgend etwas zuklagen, es war ja doch nur in taube Ohren geredet. Er lebte und hatte nur Sinn für seine Organisation. Familienangelegenheiten waren für ihn Nebensachen. Im November bekam Vater denn doch endlich Arbeit in Papenburg, auch sein Bruder Teodor kam da unter, ich hatte nicht viel Hoffnung auf diese Stelle, dachte ich doch gleich auch, wie lange wohl? Und wirklich dauerte es auch nur, bis ins Frühjahr, als die Reiselust wieder über Vater kam, denn dieses Mal muß ich es so nennen, keiner hat ihn getrieben, von alleine ist er aufgehört. Nur den Worten andrer hat er gehört und dann mußte er mit. Sein Bruder war schlauer, der sagte gleich, ich mag nicht mit, gehe du mal vor und wenn es da gut ist, komme ich nach. Er hat wohl daran getan, daß er dageblieben ist. Diesmal war es sehr weit, wo wir hinmachten. Nachdem wir unsern geforderten Vorschuß erhalten hatten, reisten wir am 2ten Mai ab nach Usch bei Schneidemühl. 2 Tage waren wir mit den kleinen Kindern und dem alten Großvater unterwegs. Damals bin ich auch das erste Mal durch Berlin gekommen. Haben uns da in eine Kneipe warmes Essen geben lassen. Ich hatte damals schon gehört, daß in Stralau bei Berlin auch eine Glashütte ist, und darum fragte ich nun Vater, als wir Lehrter Bahnhof ausstiegen, ob die Leute Glasmacher wären, die da gingen. Hatte ich doch keinen Begriff von der Größe Berlins. Die Tage der Reise waren kalt, Schnee war noch gefallen und unter die Kälte haben wir die erste Zeit auch sehr gelitten. Es waren unsrer 3 Familien, wir wurden von der Bahn mit einem Wagen abgeholt, da die Hütte 2 Std von der Bahn liegt. Aber nun dauerte es auch 8 Tage, ehe unsre Sachen kamen, und so lange müssen wir die Nächte auf Stroh schlafen. Ein Sack voll Kissen hatte ich ja mitgenommen für die Kinder und den alten Großvater, aber es fehlte doch so manches. Als nun die Sachen da waren und wir so etwas eingerichtet, wurde Großvater ernstlich krank. Die Reise hatte ihn sehr angegriffen, gehustet hatte er schon lange, aber jetz lies ihn derselbe keinen Schlaf mehr finden. Vater holte einen Arzt, der schüttelte gleich den Kopf und sagte, es geht zu Ende mit ihm, das Alter ist da, meinte der. Aber ich glaube, er hätte noch länger gelebt, wenn die Reise nicht war, das hat seinen Tot beschleunigt. Großvater schimpfte nachher, daß wir einen Arzt kommen ließen, er brauche keinen, hat auch nicht die Medizin getrunken. Ins Bett legen wollte er sich auch nicht, immer voll Unruhe war er. Die Hütte sehen will er, Vater verbot ihm das, er hätte in der Hütte nichts zu suchen. Aber heimlich ist Großvater dann doch eines Morgens kurz vor seinem Tode im Hemde aus der Wohnung gegangen bis an die Tür von der Fabrik, und als er diese verschlossen fand, sich umgedreht und wieder zu Hause gegangen. Nachbarn haben mir das erzählt, als ich frühmorgens runterging. Sie haben zuerst gedacht, ein Gespenst zu sehen, ganz schneeweiß, das Haar, das halbe Hemde, dazu die nackten Beine. 2 Tage darauf war er tot. Am 5ten Mai waren wir angekommen und am 20ten starb er. Am 25ten wäre er 70 Jahre alt geworden. Aber nun standen wir da, erst 14 Tage gearbeitet, bekamen jede Woche ein bestimmtes Wochengeld, das andere wurde vom Vorschuß abgezogen. Und nun sollten wir den Großvater beerdigen. Nach vielem Suchen fanden wir denn einen Tischler, der den Sarg machte, aber jede Woche mußten wir Geld hinbringen, also noch weniger zum Leben blieb uns. Die Arbeit wurde dort auch sehr schlecht bezahlt. Die Gegend dort war ländlich die meisten Glasarbeiter dort hatten alle Land und Vieh, und so kam es denn, daß die mit dem Verdienst zufrieden waren. Vater war aber nicht zufrieden, ebenso seine Genossen, die mit uns gekommen waren, wir konnten auch nicht auskommen damit. Nun konnte Vater grade in Danzig Arbeit bekommen, im Sept. zogen wir dann nach Legau (?) bei Danzig. Ich war dem allen gegenüber schon abgestumpft, mir war es einerlei, wo es hinging, wo meine Sehnsucht war, da brauchte ich ja doch nie mehr drauf rechnen. Man wird so teilnamslos, ich konnte mir an keinen Menschen anschließen, nirgends kam ich zur Ruhe, nirgends eine Heimat, wie sollte das noch werden. In Danzig war dann unsre erste Stelle, wo wir 2 Jahre verblieben, da wurde auch Erna geboren, eine echt katholische Gegend, und viele Polen. Die Arbeit wurde ja besser bezahlt, da habe ich mir auch Sachen angeschafft, auch Kleidung. Das Leben war da nicht so teuer, wir konnten alles aus der Stadt holen. Ich hatte schon immer Verlangen nach etwas Land oder wenigstens Vieh. Hier habe ich mir denn ein paar Hühner gehalten, ich lebte ordentlich auf, wenn ich morgens meine Tierchen aus dem Stall lassen konnte, und wie glücklich war ich erst, als ich das erste Ei fand. Ich lebte mir da bald ein, zu viel neues und schönes sah ich da, wollt ich einkaufen mußt ich mit dem Dampfer fahren, das war was neues für mich. Auch die Stadt Danzig ist schon. 2mal wöchentlich war Markt, viele Fische und sehr billig gab es dort. Bis jetz war ich nur immer auf meiner ländlichen Hütte gewesen, hier gefiel es mir bedeutend besser. 'Wir wohnten direct an der Wechsel, täglich konnte ich die großen Schiffe vorbeifahren sehen. Auch an der Ostsee waren wir mal, haben dort ein Kriegsschiff bewandert. Schaurig hörte es sich an, wenn die Sirenen tuteten. Aber schön war es doch. Nur wenn Sturm war, habe ich mir immer gebangt, denn am Wasser, das habe ich dort erlebt, wütet er viel schlimmer, wie auf dem Lande. Wie oft sah ich einen Schoner oder Segelschiff mit die eine Seite im Wasser. Unter größter Anstrengung wurde dasselbe vorm Umsinken bewahrt. Es kam auch oft vor, das Unglücksfälle passierten. An die Schiffbauer Werft fuhr ich immer vorbei, wo die großen Kriegsschiffe gemacht werden. Schön war es anzusehen, wenn so ein fertiges Schiff vom Stapel gelassen wurde. Unter Musik und Kanonenschüsse fährt das Schiff ins Wasser, begleitet von unzähligen andern Fahrzeugen, alle bis aufs schönste bekränzt. War das doch jedesmal ein Festtag. Alles, was ich hier sah, war mir bisher fremd, und so lebte ich dann ordentlich auf. Hier waren ja auch schon viele im Verband, es waren aber auch noch sehr viele, die ihm fernstanden. Sie nun auch noch zu werben, war Vater seine erste Arbeit, er fühlte sich ja wieder sicher. Zuerst wurde dann und wann mal bei uns in der Wohnung die Kollegen eingeladen, Bier wurde geholt und dabei auch Politik geführt, dachte doch Vater durch die Aufklärung was zu erobern. Eine ganze Zeit hat das gutgegangen, hat auch viele Aufnahmen gemacht, bis dann der Direktor dahinter kam. Das war Aufruhr und solche Leute konnte er nicht gebrauchen. Also wurde er gekündigt. 2 Jahre eine lange Zeit hatten wir da ausgehalten. Jetz hieß es wieder weiter. Wir hatten uns dort viel angeschafft: Kleiderspind, Tisch, Stühle, auch waren wir gut in Kleidung. Wer weiß, wo wir nun wieder hin mußten. Jetz hatte ich schon 5 Kinder, das 4te kam auch bald. Nun hieß es wieder Briefe schreiben. Arbeit wurde auch bald gefunden in Stralau, Berlin. Aber die Fabrik schickte kein Vorschuß und wir hatten uns nichts erspart, alles, was wir erübrigt hatten, hatten wir uns was für angeschafft. So mußte Vater denn uns erst unterbringen in einer nahe gelegenen Papierfabrik und uns zurück lassen. Er reißte allein ab, mußte er doch erst soviel verdienen, das wir nachkommen konnten. Eine sehr knappe Zeit ging für uns nun wieder an. Strümpfe habe ich gestrickt, um etwas Geld zu bekommen. Nach 4 Wochen bekam ich dann etwas Geld, um nachkommen zu können. Gute Freunde sorgten dafür, daß meine Sachen nach der Bahn kamen. Ende nov. reißte ich dann mit den Kinder ab. Als wir in Berlin ankamen, war Vater auf dem Bahnhof, dann fuhren wir nach Stralau zu seiner Quartierwirtin. Die behielt uns, bis die Sachen ankamen und ich meine eigene Wohnung beziehen konnte. Es wurde aber auch die höchste Zeit, daß ich zur Ruhe kam, denn Ende Dezember wurde Frieda geboren. Ich hatte Mutter geschrieben, doch zu mir zu kommen, und sie kam auch schon par Tage vorher an. Sie hat mich gut gepflegt. Mutter war ganz anders, als ob sie sich gebessert hätte. Schwer wurde es mir, als ich sie wieder zur Bahn bringen mußte. Hier in Berlin, war es nun schon wieder anders, wie in Danzig, ich lernte mir immer mehr in das freie Leben hinein. Mir kam es gar nicht mehr so geheuer vor, wenn Sonntags nicht gefeiert, sondern gearbeitet wurde. Hier herrschte ein ganz anderer Geist, der auch mich mit fortriß. Ich dachte gar nicht daran, meine kl Tochter taufen zu lassen. Erna war ja in Danzig noch getauft worden. Aber Frieda, warum sollte ich, es gab ja hier so viele Leute, die ihre Kinder nicht taufen ließen und die lebten auch. Ich unterließ es auch und alle meine späteren Kinder sind nicht getauft worden. Hier in Stralau nun war ein freies Arbeiten, alle waren im Verband, nach so einer Stelle hatte sich Vater schon lange gesehnt. Es tat aber auch not, daß wir das viele Reisen aufgaben, denn 4 Kinder waren schon. Emilie und Rudolf gingen schon zur Schule. Nun gingen Vater und ich auch mal weg nach Berlin, oder nach Versammlung, ich kam raus und bekam was zu sehen, und so lernte ich immer mehr die Bedeutung im leben des Arbeiters, wenn sie sich zusammenschließen, lernte ich erst hier kennen. So ging denn jetz unser Leben seinen ruhigen Gang. Frieda war 2 Jahre alt, da wurde Bruno geboren, derselbe war noch nicht, ganz 2 Jahre kam Teodor zur Welt. 6 Kinder hatte ich nun schon und keiner war so alt, um was mitzuverdienen. Bevor Teodor geboren wurde, hatte Vater das Glück, mehrere Hundertmark in der Lotterie zu gewinnen. Das Geld kam gerade zur rechten Zeit, denn wir waren so abgerissen, auch hatten wir Schulden. Nachdem nun alles geregelt, ich für Kleidung gesorgt, ein neues Küchenspind mir gekauft hatte, war schon fast die Hälfte alle. Auch hatte Vater gleich vor lauter Freude, seine Kameraden zu einem gemütlichen Abend beim Wirth eingeladen. Er war ja überglücklich und dachte auch, das Geld wird nicht alle, hatte er doch soviel noch nie auf einmal gehabt. Mein Reden nutzte nichts, er ließ sich von nichts abhalten. Zuletz sah er denn doch ein, das wir auch etwas zur Sparkasse bringen müßten. Den Rest brachte ich dann auch weg, aber es hat nicht lange gedauert, dann war von unserem Gelde nichts mehr übrig. Vater versuchte allerlei, um sich selbständig zu machen. So ließ er sich von Hannover ein Patent kommen, Feueranzünder, hieß es. Aich Wichse wollte er fabrizieren, aber das war alles nur ein Versuch und keine Ausdauer. Feueranzünder war ein Schweinerei und hat uns die ganze Wohnung verräuchert. Die Wichse war nicht geraten und mußten wir dieselbe eingraben. Wir waren unser Geld los und nichts weiter, wie vorher. Dann versuchten wir es mit einem Grünkramgeschäft, Vater wollte durchaus von der Hütte fort und sein eigener Herr werden, Er hat ja noch gearbeitet, die erste Zeit wollte er doch erst sehen, ob es sich auch lohnt. Aber auch dieses schlug fehl, ich war keine Geschäftsfrau, außerdem sollten auch die 6 Kinder versorgt werden. Auch war oft kein Geld da, um neue Waaren einzukaufen. Es ging immer mehr zurück, Kunden blieben weg, nur der Gerichtsvollzieher blieb unser Kunde. Nachdem er mir schon meine Kommode geholt hatte, holte er auch noch zum Schluß die ganze Ladeneinrichtung. Mir war es recht, ich hatte genug mit meinen Kindern zu tun, ich verlangte gewiß nicht nach einem Geschäft. Wenn ich meine häuslichen Arbeiten machen sollte, konnte ich nicht geputzt hinterm Ladentisch stehen und mir mit die Kundschaft unterhalten, oder ich hätte müssen ein Mädchen haben,dazu fehlte aber das Geld. In dieser Zeit wurde auch in der Glashütte gestreikt wegen Lohnaufbesserung. Unterstützung wurde ja gezahlt, aber davon konnten wir nicht leben. Nun hatte ich in der Zeitung gelesen von Krawattenarbeit. 10 M Lehrgeld. Ich mußte mitverdienen, ich riskierte die 10 M. Ich hatte den festen Willen, ich mußte mithelfen, die Familie hochzuhalten, bis die Kinder etwas mitverdienen, wenn es auch nur ein paar Mark die Woche sind. So,ging ich denn hin, wurde angenommen, und hatte in ganz kurzer Zeit meine Probe fertiggemacht. Nun hieß es Arbeit auf diese Probe suchen. Ich hatte Glück, denn die Saison ging erst an und Arbeiterinnen wurden gesucht. Ich muß nun, Liebe Kinder, etwas nachholen, was ich vergessen hatte.

Als Bruno 1/2 Jahr alt war, packte mich die Sehnsucht mal wieder nach Hause. Mutter war ja inzwischen bei mir gewesen. Aber es verlangte mich auch sehr nach meinen Geschwistern. War doch mein Bruder, der das Feilenhandwerk erlernt hatte, auch schon verheiratet. Auch meine jüngste Schwester hatte schon einen Mann und 2 Kinder. Die mußte ich wiedersehen, koste es, was es wolle. Vater redete mir auch nocn zu, nach seine Schwestern zu fahren, die ich noch gar nicht kannte, wohnten die doch da in der Nähe. Ich benützte dazu die Ferien in der Schule, erbat von Vater noch 3 Wochen dazu und so konnte ich denn reisen. Nachdem ich denn auch ausstaffirt, was neues noch zugekauft hatte, blieb mir grade noch soviel Geld über, bis zur Mutter zu kommen. Mir war es ja einerlei, wenn ich nur bis dahin kam, Vater versprach ja auch zu schicken. Es war nicht leicht mit 5 Kindern eine Reise antreten, der kleinste noch dazu immer auf dem Arm. Aber wir waren glücklich, als wir in der Bahn saßen, jeder wollte ans Fenster. Mit Freuden wurden wir in Brackwede empfangen. Mutter war beim Bruder, dorthin wurden wir gebracht, ganz oben im schönsten Walde, da haben wir uns erholt viel Erdbeeren auch Blaubeeren gesucht, sowas kanntet ihr ja in Berlin nicht. 4 Wochen blieben wir dort, von einem zum andern gingen wir. Luise, Anna, alle hatten ein Haus voll Kinder, ich hatte Berlin vergesen und wünschte nichts weiter, als immer dort zu bleiben, natürlich mit euch, aber die Zeit ging bald rum, wollte ich doch auch noch nach Eickel. Es mußte Abschied genommen werden, aber ich versprach Mutter, wenn wir zurück kommen, kehren wir noch mal auf 1 Tag ein.

In Eickel wurden wir auch freudig begrüßt von die 2 Schwägerinnen. Dort waren auch mehrere Kinder, aber die rechte Lust war doch in Bracwede geblieben. Die Umgegend war ja auch nicht so schön, immer eine dumpfe Luft, kein Wald, und ihr hattet auch in Brackwede so schön getummelt, das fehlte auch. Ihr wart mürrisch und gingt nicht von mir, trotzdem es die Verwandten an nichts fehlen ließen. Ich aber hat mir vorgenommen, 8 Wochen wegzubleiben und das wollte ich einhalten, außerdem mußte ich auch auf Geld von Vater warten. Als das dann ankam, besann ich mich nicht lange, nahm gleich Billett nach Berlin, ich sehnte mich nach Hause, war des Reisens müde. Vater holte uns ab, mit einer Droschke fuhren wir zu Hause, er war froh, daß wir wieder da waren. Ich war auch froh, denn nun ging doch wieder das geregelte Leben los. Vater hatte ja gut gewirtschaftet die Zeit, aber auf seine Art. Die Ecken lagen voll Schmutz, nur in der Mitte war Platz zum Durchkommen. Da hieß es nun wieder arbeiten und Ordnung machen, nun, ich habe es bald geschafft. Nun zurück zu meinen Krawatten. Ich ging also los mit meiner Probe, im 3ten Geschäft, wo ich vorsprach, bekam ich Arbeit. 0, wie bin ich nach Hause gerannt, um mein Glück zu versuchen. Wie war ich erfreut, als ich die erste Woche schon gleich 14M verdiente, auf soviel hatte ich garnicht gerechnet. Die 2te Woche war noch mehr. Ich ging aber auch gleich, wie mit Volldampf drauf, lies alles liegen, gönnte mir knapp Zeit zum Essen, nur arbeiten und Geld verdienen wollte ich. Man wurde ja auch dazu getrieben, bekam man einen Posten, so hies es gleich, der muß zu dem Tage fertig sein, ob man konnte oder nicht Ich war nun noch so angstlich darin und dachte, wenn du das nicht schaffst, bekommst du nichts mehr, deshalb habe ich gesessen von früh bis spät. Zwar machte ich die erste Zeit noch oft Fehler, mußte viel trennen, aber nach und nach hab ichs begriffen, und sie waren zufrieden mit meiner Arbeit. Meine häusliche Arbeit überlies ich euch Kinder, nur das Essen besorgt ich für euch. Vater arbeitete ja auch wieder, aber die Familie war zu groß, einer schaffte das nicht. 4 Jahre hatte ich schon genäht, da mußte ich aussetzen, sollte doch noch mal was kleines kommen. 0, wie war mir da zu Mute, sollte denn das gar kein Ende nehmen mit den Kindern, ich hatte doch soviel erhofft vom leben, und nun, ein Kind nach dem andern. Die Sorgen wurden immer größer und doch hatte ich nicht den Mut irgend etwas zu unternehmen, um die Zahl der Kinder einzuschränken. Hatte ich doch schon zu oft in der Zeit darüber gelesen, das die Frauen dabei zu Grund gehen, also ihr Leben riskiren. Nur aus liebe zu euch, meinen Kindern, unterlies ich es, ich wollte auch erhalten bleiben, ich durfte noch nicht sterben, möge da kommen was wolle. Emilie verdiente ja schon etwas mit, sie war bei einer Schneiderin. Rudolf ging auch zur Schule, und wie es den Anschein hatte, würde er mal ein tüchtiger Junge, er lernte in der Schule gut. Der Lehrer lies mir mal nach der Schule kommen und fragte, was mein Junge werden sollte nach der Schulzeit. Ich wußte ihm nichts drauf zu erwidern, darüber hatte ich noch nicht nachgedacht, war er doch erst 10 Jahre alt. Der Lehrer meinte, es wäre schade um den Jungen, wenn der mit seinen schlauen Kopf später sollte als Flaschenmacher sein Brot verdienen, wie sein Vater. Ich möcht mal versuchen, meinte er, für ihn eine Freistelle in der Realschule zu bekommen, er wolle ihm gerne behilflich sein und extra Stunden ihm fremde Sprachen geben, damit er gleich 2 Klassen höher käme. Wir haben dann ein Schreiben eingereicht, und hatten Glück damit, er wurde angenommen. Wenn es auch wohl kein Schulgeld und Lehrmaterial kostete, aber er mußte doch auch immer anständig gekleidet gehen. Darum mußte ich auch tüchtig arbeiten, um das zu schaffen. Nun kam das wieder dazwischen. Ich hab noch mehr geschuftet wie sonst, blos um zu vergessen, bis dann doch die erwartete Stunde ankam. Ein kleines Mädchen, das war große Freude für euch, Kinder, waren die letzten beiden doch Jungens, ich glaube am meisten freute sich auch wohl Emilie, die war schon groß und verständig. Nun hatten wir noch ein so kleines niedliches Püppchen. Jeder wollte es auf den Arm nehmen. Ich vergaß darüber meinen Kummer und war glücklich, als ich die Kleine an die Brust drückte. Ein großer Posten Arbeit war noch im Hause, halbfertig mußte ich dabei aufhören, kaum war ich soweit, eine Nadel zu halten, saß ich im Bett, um die Arbeit fertig zu machen. Vater schinpfte ja darüber, er schimpfte überhaupt sehr leicht ih letzter Zelt. Ich machte mir nichts draus, war ich das schon gewohnt. Ich wollte ja nur die angefangene Arbeit aus dem Hause haben. 8 Tage habe ich dann noch ausgesetzt, dann hatte ich doch wieder Arbeit, es war gerade viel zu tun. Es kamen ja auch mal Wochen, wo nicht viel Arbeit war, dann wollte ich ausruhen. Rudolf oder Erna mußten auch oft liefern gehen, und mit welcher Freude Rudolf immer ankam, wenn er mir einer großen Posten Arbeit mitbrachte, das kann ich euch garnicht erklären. Ich aber mußte sitzen von morgens früh bis spät in die Nacht, um die eilige Arbeit zu schaffen. Es ist oftmals vorgekommen, daß mein wöchentlicher Verdienst größer war, wie der eures Vaters. Meine Gesundheit litt darunter, wenn ich des Nachts, was oftmals vorkam, um l oder 2 Uhr zu Bett ging, dann lag ich wohl noch 1 Stunde ohne den ersehnten Schlaf im Bett. Meine Nerven waren zu aufgeregt, ich konnte nicht einschlafen, nur wüste Träume quälten mich. Ich war dann wie zerschlagen am andern Morgen. Vater war immer mürrisch, wenn er zu Hause war, gefiel ihm das jetz nicht so, oder war ihm der Lärm der Kinder zuviel, genug er gewohnte sich an in die Kneipe zu gehen. Früher hatte er das ja auch gemacht, aber nicht so oft, wie jetz. Da fand er dann gute Freunde, mit denen er ein Spielchen machen konnte. Es wurde oft sehr spät, ehe er den Weg nach Hause fand, war ich dann noch auf, schimpfte er mit mir, ich hätte gar nicht nötig mitzuarbeiten, andere Frauen arbeiteten auch nicht, die kämen auch durch. Als ich verstand, nicht zu wirtschaften, darum kamen wir nicht aus mit seinem Gelde, das mußte ich mir noch sagen lassen, wo ich immer darauf bedacht war, keine unnötigen Ausgaben zu machen. Ich arbeitete also nur zu meinem Vergnügen. 0, wie wenig verstand Vater mich, wie hat mich das gekränkt, Lieschen war 2 Jahre alt, da übernahmen wir eine Kneipe. Wenn die geht, brauchst Du dir mit der Näherei nicht mehr abzuquälen, sagte Vater zu mir, er meinte es ja wohl gut damit. Aber ich hatte kein Vertrauen dazu und habe ihm das auch offen gesagt, denn nach allem, was wir schoh ahgefahgen hatten, sollte die Kneipe uns nun noch retten, dann müßte ja ein Wunder geschehn. Ja, hätten wir Geld gehabt, 1 paar Tausend reihzustecken, aber so, mit leeren Händen eine Kneipe übernehmen ist ja ein Unsinn. Ich habe Vater immer wieder abgeredet, er solle doch bedenken, eine Kneipe brauche doch eine Frau ebensogut, wie einen Mann. Ich hatte 7 Kinder, was konnte ich mir wohl viel um die Kneipe kümmern, ich mochte lieber bei meiner Näherei bleiben, da käme ich weiter bei. Alles Reden meinerseits nutzte nichts. Vater hat seihen eigenen Kopf auf, mich hat er noch nie gehört, und so lies ich ihn denn auch machen, was er wollte. O, hätte er nur dieses Mal auf mich gehört, nur ein wenig sich überlegt, daß ich doch wohl nicht so unrecht habe, uns wäre manches erspart geblieben. Vater gab seine Arbeit in der Hütte auf und wir zogen in eine Kneipe mit Vereinszimmer und auch mehreren Vereine.

Monat l. Miethe 170M. Abzahlung an die Brauerei und auch Abzahlung an den Vorgänger für noch vorhandene Waaren. Dazu unsere große Familie. Wie mußte also das Geschäft gehen, um dem allen gerecht zu werden. Im Anfang ging es ja auch ganz gut. Sie es, daß seine Kollegen neugierig waren, genug es kam, der eine oder andere, unser Lokal war immer besetz, auch mehrmals tagte ein Verein. Uns war das ja alles noch so neu, wir mußten noch lernen, sowohl Vater, wie ich. Ich glaube, wir waren auch zu gerecht in die Sache, und haben nicht verstanden, den Provit rauszuholen, sondern noch reichlich zugegeben. Aber Lehrgeld muß man ja immer zahlen und wir kamen denn auch nach und nach dahinter, wie es gemacht wird.

Mir war es immer eine Qual, wenn ich im Laden tätig sein mußte, das Trinken war mir von jeher schon ein Gräuel gewesen, und nun mußte ich es fast täglich vor Augen haben, diese Sauferei. Ja, noch schlimmer, wie oft kam es vor, daß Vater sich daran beteiligte, und was blieb dann übrg er'setzte sich auf den Stuhl und schlief ein. Sein Geschäft mir und den Kindern überlassend, da könnt ihr euch denken, liebe Kinder, daß ich dazu nicht habe ein lachendes Gesicht gezeigt, dazu war ich gar nicht veranlagt. Die Leute haben ja auch erzählt, wie ich erfahren hatte, ich mit meinem Gesicht, graule jeden Gast raus. Ja, liebe Kinder, ich bin nun mal so, ich kann nicht lachen, wenn mein Inneres weint. Ich habe schon von klein auf an zu viel trübes durchgemacht und keine sonnige Jugend gehabt, vielleicht war das alles mit Schuld, daß ich alles so tragisch nahm, und nicht wie mancher leicht darüber weg ging. Vater hatte es sich leichter vorgestellt. Er hatte auch gedacht, das Geld fließt nur so in die Kasse. Trotz der guten Einnahmen konnten wir unsern Verflichtungen doch nicht nachkommen. Zuviel sollte davon bestritten werden, so kamen wir nach und nach zurück. Es war mir auch ein großer Kummer, daß ich euch, Kinder, nicht mehr konnte so gut aufwarten und flegen. Rudolf ging noch in die Schule, aber trotzdem hatte er schon gefallen am Rauchen gefunden. Die Gelegenheit war ja auch da, warum sollte er nicht mal versuchen. Und als er erst Geschmack bekommen hatte, konnte ers nicht lassen. Viele böse Auftritte hat es ja auch oft deswegen gegeben. Vater gab dann gleich mir die Schuld, ich sollte besser aufpassen, oder er schimpfte los, hätte ich dir doch lieber in die Glashütte gesteckt, damit du was verdienst, das war immer sein erstes bei jedem Streit. Rudolf war es denn auch bald über diese ewigen Vorwürte und so suchte er sich denn bei passender Gelegenheit Arbeit. In der neuen Elementfabrik wurde er als Kaufmannslehrling angenommen. 20 M Monatsgehalt, 3 Jahre lernen. Es war ja wenig, aber er sagte, er bekommt auch noch Zulage. So verlies er die Schule. Unser Geschäft ging immer mehr zurück, Kunden blieben weg, die Miete konnte oft nicht bezahlt werden. Ein schönes Kleiderspind Sofa und Vertikow gaben wir jemand zur Aufbewahrung. Derselbe borgte uns 100M zur Miete. In Wirklichkeit war ich aber froh, denn so wie es bei uns stand, mußten wir jeden Augenblick auf den Besuch des Gerichtsvollziehers gefaßt sein. Ich wollte die Sachen gerne behalten und dachte mir, du holst sie dir mal wieder. Aber ich hab sie nicht wieder bekommen, denn lange hat es gedauert, bis ich dazu in der Lage war. Da war es zu spät. Der Mann war nach seine Heimat gezogen, mit ihm die Sachen. Als wir nun Anspruch auf die Sachen erhoben, drohte er uns noch mit Anzeige, weil wir die Sachen vorm Gerichtsvollzieher versteckt hätten, darum mußten wir schweigen. 0, man lernt erst die Menschen kennen, wenn es zu spät ist, ich hätte ihm das nie zugetraut. Wir konnten uns nicht mehr halten, der Vorgänger übernahm wieder alles und wir mußten raus. Ja, was nun? Im selben Hause war eine Stube und Küche frei, da hinein stellten wir unsere Sachen, alles übereinander. Ich ging wieder nach meinem Geschäft, holte mir Arbeit, das war meine einzige Rettung, denn ich mußte Geld in die Finger haben, um nicht auch meine Kinder hungern zu lassen. Vater ging, um sich eine andere Kneipe zu suchen, er hatte den Mut noch nicht verloren. Hat denn auch bald eine gefunden in Moabit, die war ja nicht so groß, er hoffte da eher hochzukommen. Aus der verlassenen Kneipe gingen wir raus mit vielen Schulden, jahrelang haben wir daran noch zu zahlen gehabt, ja sogar das Gericht wurde in Anspruch genommen. In die neue Kneipe zog nur Vater und Emilie. Ich mit euch andern blieb in dem alten Heim in der kleinen Wohnung, in der neuen Kneipe war nur 1 Stube und Küche. Vater wollte erst sehen, wie es da ging, dann wollten wir uns noch eine Wohnung zu mieten. Ach war das ein Leben, der eine hier und der andere da, lang konnte das auch nicht gehen, ich hatte bloß immer bange, mein Hauswirt würde meine Sachen zurückbehalten, weil wir noch Miete schuldig waren. Aber als es dann soweit war, daß wir nachkommen konnten, lies er uns ruhig ziehen. Vater hatte sich die ganze Zeit gedruckt, nur des Abends kam er mal, Emilie die Kneipe im Moabit allein überlassend. Ob er sich schämte? Aber warum nur? Ich habe jeden frei ins Auge gesehen, denn was konnte ich dafür, wenn wir nicht zurecht kamen, ist das etwa eine Schande?

Aber ich war doch froh, als wir nun alle wieder zusammen waren, sehr klein war es ja, meine Arbeit hab ich nicht aufgegeben, sondern immer etwas genäht. Emiele war ja im Laden, wenn Vater nicht da war. Die Einnahme war sehr gerihg, Vater sah ein, daß das doch nicht so weiterging, wir mußten die Kneipe aufgeben, wollten wir nicht gänzlich zugrunde gerichtet werden. Eine Wohnung war bald gefunden. Nur keine Arbeit für Vater, das hielt schwer. Emilie zog für sich alleine, sie nähte bei einer Frau und da war ihr der Weg zu weit. Aber der Grund war wohl was anders. Hatte sie doch schon ein Verhältniß. Auch kam es oft zu Auseinandersetzungen, deswegen und wenn die Kinder erst groß sind, denken sie, die Eltern haben ihnen nichts mehr zu sagen. Ich konnte nicht mehr auskommen mit ihr und so war ich nun froh, daß sie ging. Ich habe genäht. Tage und Nächte ich wußte nicht mehr, ist es Sonntag oder Wochentag, nur Geld mußte ins Haus, denn Vater hatte noch immer keine Arbeit. Hatte er mal das Glück welche zu finden, dann war es höchstens nur auf 2 Wochen. Er hatte aber gar keine Kurage, kein Unternehmungsgeist, ihm war alles einerlei, bloß er konnte schimpfen, wenn mal irgendwas nicht nach seinem Sinn war. Hatte einer die Schuhe entzweit oder mußte was neues angeschafft werden, ohne Schimpfen wurde das nicht angeschafft. Ja, es war ihm zuviel die große Familie und das wenig Einkommen. Ja, aber was sollte ich erst sagen, ich arbeitete, wie wohl noch nie zuvor, zu mir kamt ihr, wenn ihr Hunger hattet. Mir war oft so elend zumute, meinen Kummer hab ich vor euch verborgen, aber wenn ich alleine war, dann kam es zum Ausbruch, dann hab ich mir satt geweint. Vater ging gewöhnlich des Morgens fort, kam er wieder, war sein erster Blick nach dem Essen, dann legte er sich schlaffen, das konnte er schon aushalten, o wie hab ich ihn oft um den schönen Schlaf beneidet, meine Arbeit fing oft erst an wenn alles schlief. Hatte ich nicht zu nähen, dann mußte ich waschen oder Zeug flicken. Das leben war wirklich bald nicht mehr zu ertragen, aber es sollte noch schlimmer kommen. Emilie kam auch hin und wieder, das sie was auf dem Herzen hatte, merkte ich ihr bald an, und in solchen Fällen ist die Mutter ja immer die Nächste, muß es sein, sosehr auch das Innere dagegen aufwühlt. Ich wollte keine Kinder mehr, konnte keine mehr ernähren, nun fing meine Tochter an mir was ins Haus zu bringen, das war zuviel. Sollte ich denn nie zum Aufatmen kommen, ich bin doch auch ein Mensch, der Anspruch ans Leben hat, aber nein, ich mußte weiter schuften; dazu noch kein Frieden im Hause. Vater war immer verdrossen, ich hatte keinen Menschen, dem ich mein Herz ausschütten konnte, keinen, der an meinem Kummer teilnahm. Sagte ich Vater was, dann mußte ich immer hören, ich hätte selber schuld, warum ich sie so ihren freien Wille ließe. Und doch hat er wohl die meiste Schuld gehabt. Hätte er nicht die Kneipe in Moabit genommen, wäre Emilie sich nicht so oft allein überlase worden. Ich war nicht bei ihr, und doch mußte ich die Schuld auf mich nehmen. Wie oft bin ich mit dem Wunsch zu Bett gegangen, wenn ich doch bloß nicht mehr aufwachen würde. Rudolf war der einzige, der mir etwas zu Seite stand. Zulage hatte er,auch schon bald aus der Schule. Es war mir aber so knapp an Geld, daß ich erst im letzten Augenblick ihr Stoff zum Kleid kaufen konnte, Emilie wollte es nähen, sie ist aber nicht ganz damit fertig geworden. Am 28ten März ist ihre kleine Tochter geboren, am 25ten wurde Erna eingesegnet. 8 Tage vor der Geburt ist sie zu uns gezogen. Vater hatte sich schon vor längerer Zeit der Kammbranche angeschlossen, aber mit der Arbeit klappte das auch nicht so recht. Er beschloß mal zu reisen, ob er, vielleicht, als Flaschenmacher wieder Arbeit findet. In Stralau wieder anzufragen wollte er nicht. Wenig Reisegeld in der Tasche zog er dem Glück entgegen. Aber das Glück war ihm entschwunden. Nachdem er schon längere Zeit fort war, seine Uhr versetzt hatte, telegrafierte er um 12M telegr. zu schikken. Er wollte zu Hause, hatte aber kein Geld, auch mußte er noch Kostgeld bezahlen. Nun auch das noch. Ich hoffte, er würde mir Geld schicken, nun verlangte er noch was von mir. Ich war im ersten Augenblick empört, aber bei ruhiger Überlegung habe ich dann doch Rat geschafft. Meine Hauswirtin borgte mir soviel, und so kam er denn auch bald an. Wir wohnten gerade damals nicht weit vom Pferdeschlächter, da konnte man schon für wenig Geld viel bekommen, auch wohnte in unserm Hause ein Bäcker, der uns mal Brot gab, wenn das Geld nicht reichte. Aber es mußte doch auch wieder abbezahlt werden. Wir waren damals nie frei von Schulden, denn es kam ja auch mal vor, daß eine stille Zeit in meiner Arbeit war, und ich nichts verdiente. Die Ruhezeit war mir wohl zu gönnen, aber das Geld fehlte. Alle schon große Kinder, die essen was weg. Die Kleider und andere Sachen für die Mädchen habe ich immer alleine gemacht. Hatte ich nur ein Stück Stoff dann war es auch bald fertig. Die Anzüge für die Jungen wurden gewöhnlich auf Abzahlung geholt. Wir waren immer am Abzahlen. Vater wunderte sich immer, wo ich bloß das Geld lasse, ja, wenn so viele Löcher sollen zugestopft werden, da schmilzt es schon zusammen. Ich war froh, wenn ich bezahlen konnte, hab lieber entbehrt, als was schuldig zu bleiben. Und dazu kamen nun noch die Schulden von der Kneipe. Doch darüber machte ich mir nicht viel Kopfschmerzen, damit lies ich zum äußersten kommen, denn wie konnte ich auch. Meine Schulden für meine Wirtschaft, dafür hab ich gearbeitet, daß ich dem gerecht werden könnte. Aber die Schulden von der Kneipe konnte ich nicht mehr auf mich nehmen. Das hat sich denn auch noch jahrelang damit hingezogen. Zu pfänden hatten wir nichts mehr. Ich hab immer meine Hoffnung auf euch, Kinder, gesetzt, wenn ihr erst groß seit, vielleicht, geht es dann mir besser, denn zu Schweres hatte ich bis jetzt durchgemacht, es mußte doch auch mal besser kommen. Emilie mit ihrer Kleine blieb bei uns. Erna suchte sich auch Beschäftigung in ein Schokoladengeschäft. Vater wanderte noch mal aus nach Runscha. Frida bekam eine gute Stelle bei einer Lehrerin, so ging denn das eine Weile ganz gut bei uns. Aber Vater hatte immer keine Ausdauer in der Arbeit, irgend etwas kam gewönlich bald dazwischen, so war es auch jetzt. Zu Hause geschickt hat er nicht oft was. Aber geschrieben, ich müßte ihn besuchen. Als ich mich denn nun dazu entschloß, Lieschen nahm ich mit, tat es mir aber auch schon wieder leid um das Fahrgeld, denn kaum war ich da, sagte Vater gleich, ich gehe mit dir zurück. Irgend etwas war da nicht in Ordnung, ob es ein Streik war oder was, kann ich heute nicht mehr sagen. Genug ich war 2 Tage da hatte mir an Blaubeeren satt gegessen, da reißten wir nach Hause. Jetzt suchte Vater wieder. in der Kammfabrik Arbeit, aber es war immer nur auf kurze Dauer. Lieschen hätte sich erkältet, bekam einen Husten der sich zum Stickhusten ausartete. Auch die kl Eise wurde davon befallen, bekam Lungenentzündung dazu und war in 1 paar Tagen tot. Für uns alle schmerzlich, denn wir hatten die Kleine alle lieb. War schonll Monat alt, konnte bald laufen, aber sie sollte uns nicht bleiben. Und es war auch wohl gut so, denn ihr Vater war schon als die Kleine 4 Monat alt war, an Schwindsucht gestorben, Lieschen hat noch lange gehustet aber die hats überstanden. Erna brachte ihr viel Schokolade und Süßigkeiten mit, das hat ihr gut getan. Ja, ich denke noch an eine Weihnacht, vollbepackt kommt da Erna mit einem großen Karton voll Pfeffernüsse und Kuchen nach Hause, alle konnten sich daran sattessen. Das war mal wieder Freude im Hause. In dieser Zeit war es auch, wo ich von Brackwede ein Schreiben bekam, daß Mutter schwer krank ist. Ich hatte sie lange nicht gesehen, ich mußte hin. Lieschen nahm ich mit. Als ich bei Mutter ankam, sah ich gleich, daß es zu Ende geht, sie konnte nicht mehr alleine aufstehen, war ganz steif im Kreuz. Ich konnte nicht lange bleiben da grade viel zu tun in meiner Arbeit war. Aber ich hatte sie doch noch mal gesehen. 2 Monate nachdem war sie tot.

Wir hatten schon mehrmals davon gesprochen, nach unsere Heimat, den Osten von Berlin zu ziehen, bis es dann auch schließlich dazu kam. Nicht direkt dahinaber, doch in der Nähe nach der Schreinerstr.. Die Umzugskosten waren ja teuer, aber wir sehnten uns alle danach. Emilie wollte wieder alleine wohnen, es war mir auch recht so, Bett und etwas Sachen gab ich ihr mit. Wenn mehrere große Kinder im Haus sind, denkt jede schon alles besser zu wissen, und darum war oft Streit und Zank bei uns zwischen allen, mußten sie ihr Mundwerk bei haben. Hatten die Kleinen was gemacht, haute sie dazwischen. Das empörte mich oft sehr, darum war ich froh, daß sie ging. Rudolf verdiente nun auch schon ganz gut, auf ihn hatte ich meine größte Hoffnung gesetzt. Vater hatte nun auch regelmäßige Arbeit, ja wir waren sogar jetzt so reich, daß ich Frida zur Einsegnung ein weißes Kleid kaufen konnte, weil sie sich das so sehr wünschte. Sehr fein sah sie darin aus. Sie ging gleich in Stellung, um in der Hauswirtschaft zu lernen. Ich hatte mein Haus ja auch immer noch voll genug. Dazu sollte jetzt noch mal was kleines kommen, o Jahre hatte ich vorgebeugt mehrmals, wenn es soweit war, mein Leben aufs Spiek gesetzt, nun aber verlor ich den Mut, hab nichts mehr dagegen unternommen, denn zu sehr hatte mein Körper jedesmal darunter gelitten, 2 mal mußte ich in ärztliche Behandlung gehen. Meine Kräfte schwanden, ich merkte das wohl, wenn ich auch äußerlich dagegen ankämpfte. Es war ja auch jedesmal ein Spiel mit dem Leben, aber ich bin immer heil daraus hervorgegangen. Nur schwach und nervös wurde ich. Es war mir ja auch vor euch, großen Kinder eine Qual, wo ich doch schon so viele hatte, daß noch mal was kleines kommen sollte. Ich lies es jetzt drauf ankommen, ich verlor den Mut, den ich vorher so oft gehabt hatte. Es ging und ja auch jetzt schon besser und so ist denn noch der kleine Gerhard gekommen, als Lieschen schon 7 Jahre alt war. 8 Kinder hatte ich jetz, wie war ich bloß dazu gekommen. Früher habe ich oft gedacht, wenn ich meine Schwägerin mit den vielen Kinder sah, wie können sich die bloß so viel Kinder anschaffen, nun war ich selbst so dumm, hatte auch so viele.

Meine Nerven waren, sehr angegriffen, ich mußte immer noch mitnähen, die Kinder machten die Wirtschafft und gingen auch viel liefern. Es war nur ein Glück, daß wir mit Krankheit verschont blieben, außer leichten Kinderkrankheiten war kein ernstlicher Fall vorgekommen. Lieschen ging in die Schule, Teodor und Bruno waren auch par kräftige Jungens, Gerhard war auch schon wieder 1 Jahr alt, so ging die Zeit hin. Nur ich fühlte mich seit einiger Zeit krank, was war es nur wieder, hatte viel mit dem Magen zu tun, denn mein Mund wurde immer leerer von Zähne. Es kam mir denn zum Bewußtsein, was mit mir wieder los war, ich hatte schon wieder vergessen und nun sollte ich noch einmal mein Leben aufs Spiel setzen. Die Verzweiflung trieb mir dazu und es wäre auch damals bald mit mir alles gewesen. Ach so ein Mann ist doch viel besser dran, wie eine Frau, der geht seiner Arbeit nach, findet sein Essen zu Hause und ruht sich aus. Aber eine Frau hat die ganzen Sorgen der Wirtschaff zu tragen, dazu obendrein noch Vorwürfe, wenn das Geld nicht reichte. Ich konnte eurem Vater nichts klagen, er verstand mich nicht, bei ihm ging das ins eine Ohr rein, ins andere raus. Wir waren uns gegenseitig fremd geworden. Meine geheimen Kümmernisse hab ich ihm denn auch nie mitgeteilt, bis ich dann zusammenbrach. Ein Blutsturz überfiel mich, als ich zurück kam vom Liefern. Nur mit größter Willenskraft schleppte ich mich nach Hause, den Weg meine Spur überlassend. Wie tot fiel ich ins Bett. Nachdem der Arzt geholt war, ordnete er die größte Schonung an, denn mein Leben stunde auf dem Spiele. Ich war so erschöpft, daß mir nur ganz kräftiger heißer Kaffee gereicht werden durfte, um meinem Körper die Wärme zu erhalten. Erna war zu Hause. Nachdem ich nun soweit war zum Aufstehen, ging ich rum, wie eine Leiche. Aber ich hatte es doch überstanden, Kräfte würden schon wieder kommen, damit tröstete ich mich. Rudolf war auch sehr besorgt um mich, was er nur liebes an mir tun konnte, hat er gemacht. Er brachte mir gleich 1 Karton Sanatogen mit, das sollte ich einnehmen, auch kam ich in Behandlung eines guten Arztes, der viel an mir getan hat. Die ersten 8 Wochen bekam ich jeden Tag 1 Ltr Milch, ich war ja in der Kasse. Auch lies er mir gleich eine leibbinde anfertigen, da mein Unterleib durch die sitzende Stellung beim Nähen sehr gelitten habe. Aber um das ganze körperliche Übel zu heben, mußte ich einen Ring tragen. Diese Behandlung hat mir denn auch sehr wohl getan. Ich fühlte mir von Tag zu Tag besser, daß ich wieder neuen Mut zur Arbeit faßte. Ein neuer Schlag aber sollte mich wieder treffen, noch waren meine Leiden nicht zu Ende. Erna gefiel mir schon seit einiger Zeit nicht recht, sie schnürte sich sehr, auch sonst war sie anders, wie es sein sollte, eine Mutter sieht das wohl immer am ersten. Sie hatte auch schon Bekanntschaft mit einem Herrn gesucht, derselbe war aber augenblicklich zu den Eltern gereist. Von Erna bekam ich zuerst nur unkluge Antworten, bis ich schließlich darauf drang, mir die volle Wahrheit zu sagen. Da kam es denn heraus, daß auch sie sich vergessen hatte. Ja, was war nun zu machen. Der Verführer auf und davon. Denn das zuhausereisen war wohl nur ein Vorwand gewesen, um weg zu kommen, er hat sich dann auch nicht mehr blicken lassen. Das Kind wurde geboren ohne einen Vater. Er hat ja seine Vaterpflicht anerkannt und auch gezahlt, aber ich hatte die Arbeit und Erna die Schande. Das war wieder ein neuer Schlag neue Vorwürfe mußte ich hören, kaum etwas zu Kräften gekommen traf mich dies mit doppelter Wucht. Ich hätte in die Erde sinken mögen vor Scham, denn auch ich hatte Schuld mit. Erna war jung und unerfahren, warum hatte ich ihr nicht aufgeklärt und gewarnt, aber selbst mit mir zu viel zu tun hatte ich an meine Tochter nicht gedacht, wie sollte das noch werden, ich habe oft gedacht, das ist wohl die Strafe dafür, du hast deiner Mutter Kümmernis und Arger gebracht, jetz machen es dein Kinder mit dir. Nun verstand ich erst recht, was meine Geschwister und ich, Mutter, getan hatten. Aber es war zu spät, Mutter war tot, ich konnte ihr nichts mehr abbitten. Oft habe ich gewünscht, ruhtest du doch neben ihr, wäre alles Leid überwunden. Aber die kleine Lottchen mußte doch auch noch groß werden, und ich war doch die Nächste, das zu besorgen. Erna war ja noch so jung, sie hat nur aus Unwissenheit sich betören lassen, darum nehme ich auch die Last auf mich und verfiele und erziehe ihr Kind so gut ich kann. Vater führte damals ein leichtes Leben, Arbeit hatte er, Geld hatte er auch, und so kam es oft vor, daß er des Abends von der Arbeit erst einkehrte und dann angetrunken nach Hause kam, fand er zu Hause nicht, was er suchte? War ihm das Kindergeschrei zuviel? Ich mußte es ja auch aushallen, nur ein wenig Stütze und Trost hätte er mir geben können, nein, wir kamen immer mehr auseinander, kaum ein par Worte wechselten wir. Ich hatte ja meine Kinder, da konnte ich mich ja mit unterhalten. Ich habe mir so oft nach ein gutes Wort von ihm gesehnt. Statt dessen kam er betrunken zu Hause. Rudolf hatte schon ausgelernt, Erna ging auch wieder ins Geschäft, da beschlossen wir uns eine größere Wohnung zu suchen, fanden auch eine, aber teuer, 65 M Monat, da konnte Rudolf ein eigenes Zimmer haben. Ob wir das werden lange zahlen können, fragte ich mich oft, aber Rudolf hatte immer Hoffnung, er verdient bald viel Geld, wir wollen das jetz besser haben. Wir mußten uns viel neues anschaffen. Eines Tages kam Rudolf glückstrahlend nach Hause, er muß jetz reisen fürs Geschäfft, bekommt sein Monatsgehalt und noch 12 M Spesen. Ja, wenn das so geblieben wäre, dann hätte das wohl gegangen mit der teuren Wohnung, aber so war das ja nur eine Aushilfe vom Chef, denn es hörte bald wieder auf. Er hat aber doch in der Zeit mir schönes Geld zu Hause gebracht. Rudolf drängte sogar darauf, das ich die Sommerferien über verreisen sollte. Ich sollte mal par Nochen andere Luft haben, weil meine Gesundheit immer noch nicht die beste war. Meine Nerven waren zu angegriffen. Wir werden uns schon durchhelfen, meinte er, Frida mußte zu Hause kommen die Wirtschafft besorgen. ich hatte mir auf 5 Wochen ein Logis in Lychen gemietet. Teodor, Lieschen und Gerhard nahm ich mit. Mehrere Päckchen Sanatogen hatte ich mir besorgt, auch viel Milch wollte ich trinken, und so hoffte ich denn frisch gekräfftigt zurück zu kommen. Es war ja nicht weit, und der erste, der mich besuchte, war Rudolf mit seiner Martha. Nur auf ein par Stunden denn sie mußten Abends wiederabfahren. Später kam denn auch noch Erna und brachte mir Lottchen. Wir lagen den ganzen Tag im Wald wenn das Wetter gut war oder gingen Blaubeeren pflücken. Oder auch baden an der See. Schon war es ja da. Aber ich dachte auch viel an Haus. Ihr mußtet entbehren, was ich genoß. Denn im Sommer war die Arbeit mit Vater immer knapp und der Verdienst gering, ich war daher auch froh, als die Zeit um war, und ich wieder zu Hause fahren konnte. Erholt hatte ich mich ja ganz gut.

Vater und Rudolf sahen es doch wohl, ein daß es auf die Dauer nichts war mit unsrer teuren Wohnung, so gern wir die behalten hätten, denn wir mußten doch für mehr sorgen, als für Miete. Vater hatte schon, als ich noch in Lychen war, sich in Friedrichshagen umgesehen, ich solle nicht mehr nähen, deshalb so weit meinte er, auch war da eine gesundere Luft. Mir war es recht, ich ruhe mich schon gerne aus, denn es war wirklich kein Vergnügen bei der großen Familie noch mit zu nähen, ich nahm mir das ja auch oft vor, aber war es knapp bei uns, fehlte es dann, holte ich mir immer wieder Arbeit. Das Geld lockte zu sehr. Emilie war auch schon verheiratet, hatte schon einen kleinen Jungen, so alt, wie unser Lottchen. Mit Emilie kam ich nicht oft zusammen, wir konnten uns nicht recht verstehen, sie war nervös und ich wohl auch, also blieb jeder, wo er war. Zum Besuch kam sie ja auch mal in Friedrichshagen, gefiel es uns ja alle sehr gut, da lebten wir alle ordentlich auf. Die schöne freie Natur, Wald und Wasser, das war uns allen neu. Auch hatten wir einen kleinen Garten mit Stachelbeeren und Obstbäumen drin, das war was was für unser Lottchen und Gerhard, die konnten sich tummeln nach Herzenslust. Gerhard wurde ja krank, bekam Lungenehtzündung, aber seine gesunde Natur hat es überstanden. Bruno war in Berlin noch aus der Schule gekommen, er ging als Kaufmannslehrling ins Geschafft. Teodor kam in Friedrichshagen aus der Schule. Auch er sollte Kaufmann werden, spürte dazu aber wenig Lust. Aber Rudolf redete ihm zu, er sollte uns nachher keine Vorwürfe machen, daß er nicht dasselbe erlernt hätte, wie seine Brüder. Und so lies er sich bereden. In einem Engros Geschafft für Schuhwaren wurde er aufgenommen. Jetz hatte ich schon wieder einen Verdiener mehr, es wurde immer besser. Zwar, zu nähen hab ich mir hin und wieder doch noch was geholt, das schöne Geld reizte mich und dann bekam ich auch oft eine Karte, ob ich nicht einen eiligen Posten machen wollte. Ich hatte mir schon lange gewünscht doch noch einmal mit Vater zusammen nach dem schönen Westfalen meiner Heimat zu gehen. Wir hatten uns dort kennengelernt, und auch dort geheiratet, aber seitdem war Vater noch nicht dort gewesen. Ich war ja schon mehrmals da, aber noch nie mit Vater, nun wollten wir das wahr machen, jetz hatten wirs geschafft, mein Wunsch wurde erfüllt. Vater freute sich auch, er war in Friedrichshagen wieder mehr häuslich geworden, wir hatten uns noch mehr Land zugemietet. Darauf hat er denn eine Laube und Kaninchenställe gebaut. Das war jetz schon wieder ein ganz anderes Leben mit uns. Nun wollten wir eine Reise machen, 4-5 Wochen wegbleiben, Lieschen und Gerhard sollten mit. Emilie versprach solange meine Wirtschafft zu versorgen, das ging ja alles ganz schön. Jetz gings ans Rüsten und Packen. Rudolf versprach dafür zu sorgen, daß sie immer zu Essen hatten, wir sollten mal ganz beruhigt abfahren. Mit welchem Jubel wir empfangen wurden, folgt jetz. Ich hatte euch Kinder versprechen müssen Tagebuch zu führen und nun lasse ich die Blätter sprechen.

O, langweilige Fahrt, glücklich haben wir dich überstanden. Mit einem Jubel wurden wir am Bahnhof in Brackwede empfangen. Heinrich stand am Zug, Anna, Emma und ihre Kinder standen draußen, jeder wollte uns zuerst umarmen, sie ließen nicht los, ich mußte versprechen noch heute hin zu kommen. Unter strömenden Regen gingen wir dann mit Heinrich nach seiner Wohnung, wo uns ein gutes Mittagessen von der langen Fahrt stärkte. Nach dem Essen gingen wir nach dem Kirchhof zu Mutter, ihr Grab zu besuchen, aber immer vom Regen begleitet. Wir gingen auch nach, dem neuen Sennefriedhof. Eine herrliche Anlage, wirklich sehenswert. Heinrich, seine Frau und Kinder waren auch mit. Kaum waren wir zu Hause angelangt, kommt Emma mit ihrer Johanna an. Frida war am Nachmittag schon dagewesen. Alle wollten uns zuerst sehen, wir waren aber sehr müde und sind bald zu Bett gegangen, ein schönes Zimmer mit 2 Betten, über die Betten der Spruch: Gottes Engel halten Wacht über dir bei Tag und Nacht.

6. Juli

Munter und frisch gekräfftigt steigen wir um 8 Uhr aus den Betten, schnell fertig gemacht, Kaffee getrunken und wieder weg nach Anna. Auf dem Wege dahin sprachen wir bei bitter vor, dies Staunen von alle, keiner kannte Vater mehr, war er doch so dick geworden. Alle Bekannte von früher haben sich sehr veränderet. Bei Anna noch ebenso, die Armut wie früher, Lina und Luise verheiratet, Heini im Gefängnis. Marta, Matilde und 3 Jungen sind noch zu Hause. Anna und Herrmann sind auch schon recht alt geworden. Die Freude war aber von allen groß, als sie uns sahen. Von Anna gingen wir nach Otto, sahen seine Kammer und sein eigenes Bett an. Er lebt mit einer Frau in polnischer Ehe zusammen. Dann gingen wir zu Emma. Emil war grade von der Arbeit gekommen. Mit ein paar Flaschen Bier wurde die Schwagerschafft begossen. Propper und fein ist es bei Emma, gesunde und hübsche Kinder hat sie, jammerschade nur, daß sie so einen Mann hat. Geldversaufen, Schlagen und Radau machen, Deshalb gehen auch die Kinder alle aus dem Hause, wegen dem Vater. 4 sind schon aus der Schule.

lch hab verfessen das wir gestern auch noch bei Luise waren, hat auch schon alle große Kinder, kann ganz gut auskommen. Nur Johanna ist herzleidend und sieht recht elend aus, aber einen sehr guten Mann hat sie, und ein klein Mädchen von 4 Jahren.

8. Juli

Heute waren wir ein wenig die Umgegend anzusehen, alles sehr verändert da man sich kaum noch zurechtfindet. Kamen denn auch bei meiner Schule vorbei, wo gerade die Erna Mittag raus kam, schöne Erinnerugen von frühe kamen mir. Wir gingen dann mit ihr zu Hause, stärkten uns und gingen dann am Nachmittag zu Lina Werning. Sie ist jetz Frau Holste, war aber nicht zu Hause, sondern zu ihrer Mutter gegangen. Wir hatten Pech, denn überall, wen wir besuchen wollten, waren sie ausgeflogen. Auch eine Schulfreuhdin von mir war auf dem Lande so, daß wir ihr nur einen Augenblick sprechen konnten, haben aber zugesagt am Dienstag noch mal zu kommen, wir gingen dann noch zu Emma, wo wir am Abend Pellkartoffel und Hering aßen.

9. Juli

Heute gehts in die Blaubeeren, das Wetter ist so leidlich, vormittags gigen wir noch mal zu Lina, diesmal, war sie da. Eine schöne, stattliche Frau ist sie geworden, 2 hübsche Kinder hat sie auch und einen netten Mann. Wir haben ihn zwar nicht gesehen, denn er war auf Arbeit, sie wolte gleich für uns Mittag machen, aber Adele hatte für uns mitgekocht, auch wollten wir um 1 Uhr nach dem Walde, so konnten wir uns denn nicht lange aufhalten, haben aber versprochen, noch mal zu kommen, wenn ihr Mann da ist. Wir haben tüchtig Blaubeeren gepflückt, 9 Pfd hatten wir, Gerhard ist immer den Berg runter gekugelt. Es war ja ein weiter Weg, denn in der Nähe sitzen keine mehr, aber es hat sich doch gelohnt, um 1/2 10 Uhr abends kamen wir erst wieder.

10. Juli

Heute haben wir langer geschlafen, wir waren aber auch so müde gestern.

Das Wetter ist herrlich, ach, es ist doch zu schön, wäre es doch immer so. Aufstehen, satt essen, spazierengehen. Aber wie bald ist die Zeit um. Gerhard wird hier ordentlich verwöhnt, er ißt noch mal soviel, wie zu Hause, es schmeckt hier auch besser, das muß ich sagen. Heute nachmittag waren wir auf der Sparrenburg. Als wir oben auf dem Turme waren, rief Gerhard gleich, da ist unser Haus, da ist Berlin, er meint immer, Berlin ist in der Nähe. Einen Kosenk von mir habe ich heute auch getroffen. Auch meine Schulfreundin Minna Heim, leider ist die verdorben, dem Trunke zu sehr verfallen. Zum Schluß waren wir dann noch bei Heinrich Schreiber, einem Jugendfreund von Vater,der mit auf dem Bilde steht, der wohnt am Bürgerweg in Bielefeld. Haben auch dort Abendbrot gegessen, um 10 Uhr waren wir wieder zu Hause.

11. Juli

Heute bleiben wir zu Hause, haben uns etwas ausgeruht. Ich muß auch noch nachholen, daß ich gestren sah, was in Berlin wohl noch nicht ist, nämlich ein Wasserkarussell. Da kann man mit nach Amerika, Helgoland, Grönland und England hinfahren, natürlich mit einem Kahn immer in die Runde. Fein war das. Heute ist es hier sehr heiß. Das ganze Dorf wird ausgeschmückt, weil morgen Bezirksturnfest ist. 33 Vereine nehmen daran teil, das ganze Dorf ist auf den Beinen.

12. Juli

Musik und Trommelschlag weckt uns schon um 6 Uhr. Auswärtige Vereine weren vom Bahnhof abgeholt, dazu ein herrliches Wetter. Vater geht schon früh weg nach bekanntem Glasmacher. Nach dem Mittagessen gehen auch wir uns der Festzug anzusehen. Bei Frau Holste, ihrer Wohuhg blieben wir steheh,um den Zug vorbeizulassen. Auf einmal ruft einer von den Fremden: "Tag, Dörwald". Na nu, wer kennt uns hier. Später trafen wir denselben auf dem Festplatz wieder. Es war ein Kammacherkollege aus Schötmar, der schon mal in Berlin war. Bis spät abends waren wir denn auf dem Festplatze, haben uns die Vorführungen der Turner angesehen. Nach der Musik haben sie geturnt, es war zu schon.

13. Juli

Heute war das erste Gewitter, solange wir hier sind, war aber nicht stark nur etwas Regen. Nach dem Essen gingen wir mit Emma zusammen nach Anna. Auch Lina trafen wir da. Bei einer Tasse Kaffee haben wir denn Erinnerungen von früher ausgetauscht, auch ihre jetzige Lage wurde erörtert. Alles, was man hört und sieht. Mit Anna und Emma steht es traurig. Vater hat denn noch Herrmann abgeholt von der Arbeit, zugleich auch Ernst seine Frau und Kinder gesehen. Ich war noch nicht da, mir ist das Laufen schon ein wenig zu viel, denn es ist jetzt furchtbar heiß, abends als Emil zu Hause war, sprachen wir auch noch bei ihm vor. So war auch dieser Tag wieder beendet.

14. Juli.

Zu heute hatte uns Frau Holste eingeladen zum Mittagessen. Sie wollte uns große Bohnen kochen, haben sehr gut geschmeckt, nach dem Essen gingen wir zu meiner Schulfreundin den versprochenen Besuch abzustatten. Hat uns die aber aufgetischt, Kuchen gebacken und sehr starken Kaffee gekocht. Auch sie kannte Vater nicht wieder, sondern meinte, ob das mein 2ter Mann wäre, Vater lachte ihr aus, daß sie ihn nicht wiedererkennt. Ihre silbernen Löffel zeigte sie mir, aus ihren besten Tassen mußten wir trinken. Vor 2 fahren hatte sie auf einem großen Saale ihre silberne Hochzeit gefeiert, da hat sie viele Geschenke bekommen, die hat sie uns alle gezeigt. Wir haben ihr versprochen, auch ein Andenken von Berlin zu schicken, darauf sagte sie Lina, wenn du dat dust deh krist du auk ene Wost, wenn ick schlachte. Ihren Mann haben wir nicht gesprochen, denn wir wollten früh wieder zu Hause sein. Heinrich hat immer Abends bei seinem Bau zu tun, da hilft ihm denn Vater etwas. Mein Bruder ist ein arbeitsamer Mensch, von nichts ist er angefangen, jetz baut er sich ein eigenes Heim, ich muß ihn oft bewundern.

15. Juli

Von einem schweren Gewitter wurden wir heute beim Pilzesuchen überrasch, wir konnten noch schnell auf einen Bauernhof flüchten vor dem strömenden Regen. Tante Emma und Kinder waren auch mit. Sehr wenige haben wir gefunden. Abends war noch mal ein Gewitter, immer Schlag auf Schlag. Da hätte Emilie mitmachen müssen, nachmittags beim Bauern waren sie alle am Beten. Lieschen sagt, die eine Frau hätte geweint, kann schon, möglich sein, stark genug war es ja. Gerhard ist hier sehr ungezogen ist auch gar kein Wunder, jeder albert mit ihm rum.

16. Juli

Heute waren wir nach der Helle, eine Waldkneipe, wollten satten Milch essen, Else war auch mit, wir hatten 3 Satten bestellt, a 20 Pfg macht 60 Pfg, da Vater aber nur 50 Pfg klein hatte, wollten sie sein 20 M Schein nicht wechseln, ließen uns lieber die Satten für 50 Pfg. Auch haben wir auf dem Wege dorthin viel Pfefferlinge gefunden, einen ganzen Korb voll. Alle nach Tante Emma gebracht, denn bei Heinrich essen sie, die Pilze nicht gern. Mir ist schon die letzten Tage gar nicht wohl gewesen, ob das von den vielen Laufen kommt?

17. Juli

Habe eine schlechte Nacht hinter mir, gar nicht geschlafen vor Rückenschmerzen, deshalb entscnloß ich mich zum Arzt zu gehen. Der meinte, ich hätte mich erkältet und einen Blasenkatahr. Habe Tee und Tableitten bekommen, hoffentlich wird es davon besser, denn sonst kannte ich am Sonntag ja nicht nach Hörstel zu Teodor reisen und darauf hab ich mich doch am meisten gefreut. Jetz trinke ich eine große Tasse Tee und dann ins Bett zum Schwitzen. Arzt und Apotheke haben gleich wieder 5 M verschlungen. Aber Ich konnte es nicht länger aushalten, ich mußte Gewißheit haben.

18. Juli

Habe heute Nacht etwas besser geschlafen, aber Schmerzen immer noch, am liebsten möchte ich wieder in Friedrichshagen sein, aber jetz geht es ans Einpacken und morgen weiter nach Hörstel. Ich müßte eigentlich heute noch nach allen hin und Abschied nehmen, aber ich gehe zu keinem, können ja zu mir kommen, ich habe keine Lust mehr zum Laufen. Vater war heute noch in Bielefeld. Lieschen und Gerhard fühlen sich hier sehr wohl, können gar nicht satt werden, so schmeckt ihnen das Essen, mir augenblicklich aber nicht. Jetz werde ich mich und die Kinder noch baden und dann ins Bett.

19. Juli

Um 6 Uhr mußten wir schon aufstehen, denn der Zug nach Horstel fährt schon um 3/4 8 Uhr. Als wir abfahren wollten, kommt Anna noch angelaufen, um mir die Hand zu drucken. In Horstel wurden wir mit groBer Freude empfangen. Teodor, Elli und noch 2 Kinder waren auf dem Bahnhof. 22 Jahr war es her, daß wir uns nicht gesehen hatten. Tante Sopfie konnte gar nicht genug staunen über Vater, daß der so dick geworden war. Mir hat sie be jammert, ich sahe so elend aus. Sie hatte auch recht, ich war immer noch krank, konnte nichts essen, den Magen hatte ich mir auch verdorben.

20. Juli

Das Haus, wo Onkel Teodor drin wohnt, liegt direkt am kleinen Eichenbusen. Schböne Stellen zum Ruhn, und Sandlöcher für die Kinder zum Buddeln. Gerhard habe ich seine Spielhose angezogen, in Brackwede hat er die gar niclht gebraucht) uhd gleich gings los mit der Kohlenschaufel zum Buddeln. Viel Pfefferlinge sitzen hier. Nach dem Essen gingen wir los, welche zu suchen, haben auch viele gefunden, aber ich kann keine davon essen, mir ist der Magen noch nicht besser. Tante Sopfie kocht mir immer ein Topf Tee nach dem andern, aber es will nicht anders werden. Auch holt sie extra mehr Milch für mich, damit ich ein anderes Aussehen bekomme. Tante Sopfie meint, bei ihr soll ich dick und fett werden. Immer treibt sie zum Essen, wo ich noch gar kein Appetit habe. Vater steht hier nicht aus, ein jeder, möchte ihm was Gutes tun, er kann trinken soviel er will, jeder gibt für ihn aus, ist doch nach seinem Geschmack, nicht wahr? Johanna wohnt noch in Papenburg, Auguste hat auch schon 5 Kinder, 1 ist tot, 3 Jungen, 1 Mädchen leben noch. Bei Teodor waren wir auch, ist schon 4 Jahre verheiratet noch keine Kinder. Otto hat vor 8 Tagen Hochzeit gemacht. Onkel Teodor ist schon recht gealtert, aber Tante Sopfie sieht noch recht rüstig aus. Wir gehen heute früh zu Bett, Vater hat einen Rausch, hat heute zu viel getrunken vor Freude.

21. Juli

Etwas besser ist mir heute schon, ich habe ja auch gestern Abend vorm Schlafen gehen 1/2 Itr Pfefferminztee ausgetrunken, es scheint auch, als ob das hilft, mir war am Morgen recht leicht, habe jetzt auch Stuhlgang. Ich gehe jetz spazieren, um mir den neuen Kanal anzusehen. Nachmittag schlafe ich wieder par Stunden, so will es Tante Sopfie und ich muß gehorchen. Sie meint es ja so gut mit mir, wie eine Mutter. Lieschen und Gerhard müssen immerzu essen, in der Hütte waren die beiden auch schon. Gerhard stellt sich denn immer hin und ruft ganz laut Kosenk Otto oder Willi, auh Elli arbeitet in der Hütte. Die besucht Gerhard auch immer, alle lachen sie dann über ihn, der wird richtig verwöhnt, von einem Arm auf den andern geht er. Vater fühlt sich hier wie zu Hause.

22. Juli

Heute war hier ein starkes Gewitter, der Regen floß in Strömen, es war aber auch zu heiB die letzten Tage, jetz hat sich das schon abgekühlt. Vater bedauert immer die Glasmacher, daß sie so schwitzen müssen, er kennt das ja auch noch von früher, hat es lange genug mitgemacht. Gegen früher hat sich das hier nicht viel verändert, immer noch so einsam, ich möchte hier nicht wohnen nachdem ich nun das Leben in der Grosstadt kennengelernt habe. Nicht mal für Geld bekommt man was. Ich habe immer solchen Durst, Wasser schmeckt nicht, Bier mag ich nicht trinken, aber Citrone möchte ich haben. Die gibts aber nicht hier. Kein Arzt, keine Apotheke, kein Schlachter, alles erst stundenweit. Gemüse oder Obst ist hier gar nicht anzutreffen. Alle Woche einmal kommt der Schlachter, was denn bestellt wird, bringt er den andern Tag. Da war es doch in Brackwede besser. Heute schmeckt mir wieder etwas das Essen. Tante Sopfiewird wohl recht behalten, daß sie mich kuriert. Satten Milch und Puffer ist heute unser Abendbrot.

21. Juli

Den ganzen Tag regnet es heute, nirgends kann man hingehn. Im Hause wird viel erzählt und disskutiert. Onkel Teodor hat tüchtige Jungen, verstehen alle gut ihre Arbeit, sind auch alle Glasmacher. Ich war erstaunt, alle kamen sie mir so lieb entgegen. Besonders der kleinste, Willi, ist 19 Jahre alt, er kann sich das gar nicht angewöhnen, zu mir du zu sagen. Ich habe ihm gesagt, ich antworte ihm gar nicht mehr. Karl ist nicht zu Hause, darf auch nicht mehr kommen, so einen Lebenswandel führt er. Traurig ist es für die Eltern, die andern Kinder sind alle so ordentlich, haben sich auch alle gut verheiratet. Elli ist ein fleißiges Mädchen. Tag über in der Hütte, und wenn sie zu Hause kommt, räumt und wirtschaftet sie rum. Alle wollen uns mal besuchen in Berlin. Tante Sopfie und Onkel Teodor kommen schon zu unsrer silbernen Hochzeit, die wir in diesem Jahr noch feiern, wenn nichts dazwischen kommt.

24. Juli

Schon wieder schlechtes Wetter, Wind und Regen den ganzen Tag. Wo soll man hingehn? Ich häkele fleißig an meiner Spitze. Nachmittags waren wir bei Auguste, nach Papenburg können wir nicht, das wird zu teuer. Kostet von hier aus für alle noch 7 M. Soviel ist aber nicht mehr über, wenn wir mit unserem Geld bis Eickel reichen wollen. Auguste hat einen guten Mann. Vater und er haben in Politik eine Gesinnung. Auch hat sie es ganz gut eingerichtet in ihrer Wirtschafft. Wir waren bis spät abends da.

25. Juli

Heute ist Sonntag, alles geht zur Kirche. Da kann man hier wieder sehen, wie der Fabrikant darauf bedacht ist, daß der Arbeiter seine geduldige Schäfermiene beibehält, und alles über sich ergehen läßt. Hat doch die Gerresheimer Aktiengesellschaft, die damals die Hütte erworben hat, für die ev. Glasmacher extra eine Kirche bauen lassen, (sonst ist hier alles katholisch) auch einen Kirchhof angelegt. Alles auf private Kosten der Hütte bloß damit die gläubigen Seelen nicht verloren gehen. Auch ein Jünglings- und Jungfrauenverein ist hier. Willi als gläubiger Sänger, Elli als betende Jungfrau. Na, die müßten in Berlin sein, die wollten wir schon kurieren. Aber was sollen sie hier auch weiter machen, wenn sie mal nicht mehr hingehn, kommt der Pfarrer ins Haus, redet und bestürmt sie solange, bis sie wieder bei ihm sind. Jetz in diesem Augenblick, wo ich schreibe, steht der Pfaff bei Sopfie in der Küche und quatscht, hat doch Willi gestern eine Trompete bekommen vom Pfarrer, da soll er ihm was vorblasen, bloß in die Kneipe sollen sie nicht gehen, keine Zeitung dürfen sie lesen, und wer es dennoch tut, muß es heimlich machen. Vater war die ersten Tage ganz krank nach einer Zeitung, bis er denn einen fand, der die Bielefelder Volkswacht las. Der hat sie ihm denn immer heimlich zugesteckt. Die Leute hier sollen eben nicht wissen was in der Welt vorgeht.

26. Juli

Ich hätte mal gerne hier Blaubeeren gepflückt. In Brackwede haben wir einen Tag 9 Pfd gesammelt. Die meisten davon hat Adele eingekocht zum Winter, nur eine Tasse voll habe ich gegessen, ich dachte ja in Hörstel wirst du wohl mehr bekommen, aber es gab hier gar keine. Die Blüten waren erfroren. Aber desto mehr Pfefferlinge gab es. Ich wollte welche nach Berlin schicken, aber die waren unterwegs verfault, die waren alle vom Regen sehr durchnäßt. Satten Milch habe ich in Srackwede und auch hier viel gegessen.

27. Juli

Heute war ich das erstemal lm Dorf, solange ich hier bin. Nur ein par Häuser rings um die Kirche, in der Ferne ein par Bauernhäuser, das ist alles was man hier sieht, hoffentlich ist es in Eickel nicht so einsam, gestern erst habe ich hingeschrieben, trotzdem Vater sagte es liegt was in der luft, die Zeitungen schreiben vom Krieg, ist wohl nicht so schlimm. Hier ist es mir schon furchtbar langweilig, ich halte das Stillsitzen nicht mehr aus, ich muß wieder arbeiten, ich fühle mir wieder wohl.

28. Juli

Die Zeitungen munkeln immer mehr, aber trotzdem packen wir ein, um doch noch nach Eickel zu reisen, alle warnen uns, wir müssen doch gleich nach Berlin abfahren, aber wir haben nicht so große Angst. Grüne Bohnen ist heute unser Mittag, nach dem Essen besuchen wir noch die Kinder, Abschied zu nehmen. Ich redete Vater zu, doch mal in die Hütte zu gucken, aber nein, war nichts zu machen. 1 1/2 Wochen waren wir nun hier, aber die Hütte hat Vater noch nicht betreten, ob er denkt, die schmeißen ihn raus? Aber desto mehr war Gerhard und Lieschen drin. Wenn sie nicht in der Hütte sind, dann sind sie unter die Bäume zum schaukeln, Willi hat eine angemacht. Johanna, ihre Tochter Sopfie ist auch hier in Hörstel, 9 Jahre alt, da spielt Lieschen auch immer mit. Die hat jetz Ferien, muß Dienstag den 4. August wieder zur Schule. Ist ein hübsches Mädchen, goldgelbe Locken, den ganzen Kopf. Wenn ich ihr ansehe, denke ich immer an unser Lottchen. Ich habe noch nicht erzählt, daß wir noch eine Lottchen haben. Aber Gerhard hat sich schon oft verplappert. Ich habe ihnen dann immer was anders vorgeredet. Ich weiß nicht, ob sie was gemerkt haben, Sopfie fragte eines Tages, ob denn Erna noch keinen Verkehr hat und ans Heiraten denkt, denn es ist wahr, hier werden wohl alle Mädchen kaum 20 Jahr alt, dann sind sie schon verheiratet. Otto, seine Frau ist auch erst 19 Jahre, und Elli wird im Januar 18 alt, hat aber schon seit einem Jahre Verkehr mit dem Bruder von Otto, seiner Frau, einem Mann von 27 Jahren. Sie sagt ja, er ist ihr gleichgültig, aber wie mir scheint, ist es ganz und gar der Wille ihrer Eltern, daß sie ihn mal heiratet. Geschenke hat sie viel von ihm, verloben wollte er sich auch schon mit ihr. Ich glaube, wenn sie zustimmte, ware in allernächsten Zeit ihre Hochzeit. Aber die Mädchen kriegen hier ja auch gar nichts anders zu Gesicht, wie jeden Tag dasselbe, die par jungen Leute auf der Hütte. Nächsten Sonntag ist hier Kirmes, dann wird wieder flott getanzt. Vater wollte ja Kirmes noch mitmachen, aber wir wollen doch auch einen Sonntag in Eickel sein. Sollte aber das Gerücht vom Krieg auf Wahrheit beruhen, dann müssen wir unsre Reise unterbrechen. Heute in Eickel angelangt, trotz aller Unruhe haben wir es doch gewagt, wir sind ja nicht so ängstlich. Alle staunten sie Vater an, wie der sich verändert hat. Onkel August und Tante Emilie haben sich auch sehr verändert. Milli ist im Putzgeschäfft, August ist verheiratet, haben schönen Rhabarberkuchen bei ihm gegessen. Sind alle sehr erfreut, daß wir gekommen sind.

30. Juli

Nach Tante Marie war heute unser Weg. Sehr gut eingerichtet hat sie es jetz. Eine große Tochter haben wir auch gesehen, die will uns mal in Berlin besuchen. Marie hat doch jetz ihren 2ten Mann, sie scheint viel Arbeit zu haben, lange Jahre ohne Kinder, und nun bringt ihr der Mann gleich mehrere mit, ob sie damit fertig wird. Mir kam es so vor, als ob sie sich ducken muß for den Kinder. Er scheint ein Quasselkopp zu sein. Mit Vater hätte er sich bald in die Haare gehabt, alles wegen Politik, wir sind dann aber bald gegangen, um den Streit ein Ende zu machen.

1. August

Wir wollten eigentlich unsern Geburtstag hier feiern, aber ich glaube, da sind wir schon in Berlin. Vater ist immer gespannt auf die Zeitung was die bringt. Hier ist es ja nicht so schlimm, hier wird Zeitung gelesen. Aber trotzdem, hier wohnen auch noch viele gläubige Seelen. Das habe ich heute früh gesehen, als sie alle zur Kirche strömten. Milli war heute mit mir unterwegs, ihr Geschäfft hat sie mir auch gezeigt, die Leute disskutieren, so viel auf die StraBe, was hat das zu bedeuten? Überall bilden sich Gruppen. Mobilmachung hieß es, als wir zu Hause ankamen, also, wirklich, es war so weit, wir mußten fort, heute ging aber kein Zug mehr, warten wir bis morgen. O, diese Unruhe unter den Leuten, jetz giebt's nichts mehr zu essen, hörte man überall.

2. August

Kaum aufgestanden sagte Emilie zu uns, ihr kommt nicht mehr nach Berlin, die Russen sind schon auf dem Bahnhof. Vater lachte, ihr was aus, so schnell gent das nicht, meinte er. Es wären ja die Bahnhöfe schon besetzt mit Deutschen in grauer Feldkleidung, darum meinte sie, das sind Russen. Vater erkundigte sich dann auch gleich, wann wir fahren konnten. Jetz ging es los das Hamstern, wer nur Geld hatte, der kaufte, solange es noch zu kaufen was gab. Von Friedrichshagen kam auch ein Schreiben. Rudolf und Erna hatten schon dafür gesorgt, daß wir auch was abkriegten, denn der Aufruhr und die Angst um das Essen war im ganzen Lande. Abends fuhren wir dann in Eickel ab, viel Militär war auf dem Bahnhof. Der Zug war sehr voll, viele, die zu Hause reisten, um sich andern Tag zu stellen. Wir sind denn auch gut zu Hause angelangt, ihr, Kinder, wart alle hocherfreut, Emilie fuhr wieder zu Hause. Noch hattet ihr ja Arbeit, aber der erste, den sie verlor, war Teodor, dann folgte Bruno. Alle Geschäffte stockten, alles würde, teurer. Jeder kaufte auf soviel er nur konnte. Teodor und Bruno versuchten dann außerhalb beim Bauern Arbeit zu bekommen, aber lange hat das nicht gedauert, da waren sie wieder zu Hause. Vater hatte auch seine Arbeit verlassen müssen, er fuhr nach Bromberg, Schützengräben bauen. Bruno wurde bald eingezogen zu den Ulanen nach Fürstenwalde. Teodor kam bei den Kanonen. Rudolf war noch immer frei reklamiert weil Lieferungen zum Heere. Emilie, ihr Mann wurde auch bald eingezogen. Vater kam dann bald wieder zu Hause, das schwere Arbeiten konnte er nicht aushalten, er bekam Kreuzschmerzen. Rudolf war bis jetz verschont geblieben, aber er sollte nun auch weg, vorher machte er aber noch Kriegstrauung, er kam aber schon gleich als überzählig zurück, er hatte Glück. Die andern beiden haben viele Schlachten und Strapazen mitgemacht, im Lazarett gelegen, sind aber beide gesund nach Beendigung des Krieges zu Hause angelangt. Wir sind dann, nachdem Lieschen aus der Schule war, Lieschen war ein fleißiges Mädchen, hat in ihrem letzten Schuljahr dem vaterländischen Frauenverein in Friedrichshagen 50 Paar Socken für die Soldaten gestrickt, dafür hat sie eine Medaille bekommen, nach Lichtenberg gezogen. Unser schönes Heim mußten wir verlassen. Die Fabrik, wo Vater arbeitete, wurde dorthin verlegt, Vater konnte das lange Fahren nicht mehr aushalten, er war viel krank, litt an Magen und Galle. Sein Chef hatte auch versprochen, ihn als Portier anzustellen, ist aber nichts draus geworden, die Wohnung die wir jetz hatten, war klein, konnten nicht alles unterstellen, deshalb suchte Erna sich auch eine Wohnung und zog alleine. Lottchen blieb bei uns. Lottchen war ein tüchtiges Mädchen geworden, das hat die gute Pflege gemacht, 3 Monat in Schweden. Lieschen war jetz auch im Geschäfft. Rudolf gründete eine Buchhandlung und nahm Bruno mit herein. Teodor ging zum Vater in die Kammfabrik. Hat dann dort ein Mädchen kennen und lieben gelernt und auch bald geheiratet. Frieda nähte Blusen, Lieschen machte einen 3 monatlichen Kursus mit in der Volkshochschule in Jena, nachdem war sie noch in Düsseldorf und Essen tätig, nachdem sie von dort zurückkam, wurde sie geschäfftlich nach Moskau geschickt, dort blieb sie 9 Monate, einege Monate war sie von dort zurück, dann hat sie auch bald geheiratet. Einen netten jungen Mann, tätig in ihrer Branche. Ich hatte also nur noch Gerhard und Lottchen, waren auch schon aus dem Gröbsten raus, gingen alle beide zur Schule, soweit hatte ich es geschafft. Ein Stück Feld, eine schöne Laube darauf, das war immer mein sehnlichster Wunsch gewesen, nun hatten wir auch das. lm Sommer waren wir immer draußen, ja, wir hatten die Laube instandgesetzt, das wir auch im Winter dort gewohnt haben. Wenn man älter wird, liebt man nicht mehr soviel Lärm, so war es auch mit mir, ich war glücklich, wenn ich nichts hörte und sah, nur für mich alleine mit den beiden Kleinen, deshalb zog es mir auf unser Stückchen Land zurück. Aber wieder kam was zwischen, ich sollte die Ruhe nicht lange genießen. Rudolf hatte sich in der Siedlung um eine Wohnung beworben, nahm gleich eine größere und wir ließen uns bereden und zogen mit hinein. Vater sollte es nicht mehr so schwer haben, er wollte ihn bald in sein Geschäfft beschäftigen, aber es kam vieles dazwischen und bis heute ist noch nichts daraus geworden. Die Buchhandlung wurde bald aufgegeben. Dann grüngete Rudolf mit beiden Brüder eine Vertriebsgesellschafft. Nach schweren Kämpfen mußte auch diese wiederaufgegeben werden, denn es herrschte keine Einigkeit unter den Brüder. Rudolf ist der Mensch zum Alleinherrschen, es darf ihm Keiner in irgend einer Sache dazwischenreden, und so ist es auch besser, daß die Brüder wieder auseinander sind. Nachdem nun auch Gerhard aus der Schule ist, mußte er auch gleich zu Rudolf ins Geschäfft, viel Lust schien er dazu nicht zu haben, aber danach werden bei uns ja die Kinder nicht gefragt, sie müssen und damit basta, ich sage nichts mehr dazu, ich bekomme ja doch immer zu hören, ich halte mit den Kindern. Muß ich denn nicht? Viel Kummer und Sorgen hat es mir gekostet, daß ihr, meine Kinder, so groß geworden seit. Vater hat sich nicht viel um euch gekümmert. Die ganze Last lag auf mir, und wenn ich dann mal nicht duldete, daß jemahd einem von euch zu nahe trat, dann mußte ich oft vom Vater oder auch Rudolf Worte hören, die nicht schön waren. Es ist gewiß nicht leicht, 8 Kinder zu ordentlichen Menschen heranzuziehen, jetz ist das überwunden, und ich will die schwere Zeit vergessen, die ich durchgemacht habe. Frida ist nun auch schon lange verheiratet, nat schon ein klein Mädel. Nur Erna nat noch immer nicht den rechten gefunden, ist auch wohl gut so, sie hat es ja jetz besser alleine, als wenn sie sich mit einem Mann rumärgern müßte. Lottchen ist ja auch schon seit einem Jahr bei ihr, und jetz eingesegnet. Bruno ist auch schon seit einem Jahr verheiratet. Es ist bloß so schwer, daß die jungen Leute keine eigene Wohnung bekommen können, das hat alles der unglückliche Krieg mitgebracht. Nun leben wir so dahin bei Rudolf, oftmals wünscht ich mir in die Einsamkeit zurück, wenn der Lärm allzugroß ist, aber ich muß mich fügen, haben wir doch keine eigene Wohnung. Man wird auch so gleichgültig wenn man alt wird, das Leben stum oft ab. Ich habe nur noch den einen Wunsch, solange zu leben, daß auch Gerhard versorgt ist. Er ist ein guter Junge, und ich hoffe, daß auch er seinen Weg durchs Leben finden wird. Emilie besucht mir ja jetz auch, oft mit ihren 4 Jungen, nun wird es ja auch bei ihr nicht mehr lange dauern, dann hat auch sie Hielfe. Nach einem 10 jährigen Fernsein von meiner Heimat hatten wir beschlossen zu reisen, aber es kam was dazwischen, wir mußten die Reise aufgeben, wo wir uns so drauf gefreut hatten. Pudolfhat jetz auch schon 2 Kinder, 1 Junge und 1 Mädchen, etwas wild und ungezogen aber mir gegenüber die besten Kinder. Martha ist den Kindern gegenüber oft schwach, ich befürchte nur, daß sie später das nicht noch zu bereuen hat. Nun haben wir wieder uns die Reise nach Westfallen vorgenommen, Lottchen sollte mit, aber es ist alles so teuer, ihre Einsegnung hat viel gekostet, darum muß sie wohl verzichten, bis sie mal was mitverdient. Gerhard und Lottchen können ja die Reise zusammen antreten. Gerhard wird ihr schon die Heimat der Großmutter zeigen, der war ja schon oft da. Heute war Lieschen und Fritz bei mir, ich freue mich jedesmal, wenn sie kommen. Sie sind wie die Kinder im lachenden Glück. Möge doch ihre Ehe immer so sonnig und ungetrübt bleiben. Ananas haben sie mir mitgebracht und auch Geld zur Reise.

Der Wunsch ist in Erfüllung gegangen, die Reise wurde angetreten. Diesmal mit Lottchen. 1 Woche waren wir in Brackwede, da folgte uns auch Vater nach, schöne Tage haben wir da verlebt, Berlin und alle Welt vergessen, aber die Zeit war uns kurz bemessen, nur 3 Wochen konnten wir bleiben, da mußten wir wieder zu Hause. Vater mußte wieder arbeiten, auch Lottchen mußte dran denken, sich Betätigung zu suchen, denn jetz heißt es rein ins Leben, der Mutter helfen, und vergelten, was sie ihr Gutes getan hat, denn wahrlich, Erna hat für ihr Kind gut gesorgt, das, muß Lottchen ihr danken, solange sie lebt. Ich habe immer was zu kränkeln, ist das eine besser, kommt wieder was anders. Mit einem steifen Arm hab ich die Reise angetreten und noch viel schlimmer kam ich zurück. Es ist mir oft zum Verzweifeln, ich möchte gern arbeiten und kann nicht. Bin ich denn schon so alt, daß meine Kräfte mir schon verlassen, hab mir das immer so schon gedacht, wenn die Kinder erst alle groß sind, dann möchte ich noch so ein paar Jahre in stiller Ruhe mit Vater zusammen nur für uns alleine leben. Soll ich das nicht mehr erreichen, klappt mein Körper schon vorher zusammen?

Ach, aber auch zu vieles stürmt über einem zusammen, die Ruhe, die ich suche, werde ich erst finden, wenn ich im Grabe liege.

Ach, was wird mit Rudolf, wohin treibt ihn das Schicksal, er sitz zu tief drin, ich kann ihm nicht helfen, was wird das Ende sein ein Schrecken

Ende des Textes.

 

 

DIE BISMARCKSPENDE

Heute, am 1. Mai 1934, kommt eine Erinnerung vom Janre 1892 mir uns Gedachtnis zurück, wo Vater and ich, damals 22jährig, an einer Bünnenaufführung, genannt DIE BISMARCKSPENDE, beteiiigt waren. Ich werde versuchen, so gut es gent, hier niederzascnreiben.

Die Bismarckspende gespielt von vier Personen

Köning: Fabrikant

August Frei: Werkführer

Rosa: Tochter des Fabrikanten

Marie: Tochter des Fabrikanten

Rosa:     Wo heute der August nur bleiben mag,

Er kommt sonst genan mit dem Glockenscnlag.

Es ist ihm doch wohl nichts Schlimmes passiert?

Am Ende hat man ihn gar arretiert?

Oh, die vermaledeite Politik,

die ihm beständig sitzt im Genick.

In den Standen sogar, wo ich bei ihm bin,

geht sie ihm nimmer nicht aus dem Sinn.

Beim zärtlichen Küssen, Plaudern und Rosen

ist sie wie Dornen unter den Rosen.

Da spricht er bald von Überproduktion

Minimalarbeitstag, Minimalarbeitslohn,

Frauenarbeit, gewerblichen Schiedsgerichten,

von den Fabrikinspektoren und ihren Berichten,

lauter Sachen zum Kopfzerbrechen,

Man kann gar nichts Vernünftiges

mehr mit ihm sprechen.

Zum Beispiel, über meinen neuen Hut,

oder den Mantel , der mich kleidet so gut,

oder über den neuesten Ebersroman,

oder eine Tour mit der Zahnradbahn,

oder die Redoute vom Liederkranz.

Ach Gott, was bin ich für eine Gans!

Wahrhaftig, ich bin es gar nicht wert,

daß August mich liebt und mit mir verkehrt.

Trotz seiner Jugend, er ist ein Mann,

mit dem ich keinen vergleichen kann.

Von allen den faden süßen Gecken,

welche in vornehmen Kleidern stecken.

Er hat auch in der Tat vollständig recht,

es geht den Arbeitern herzhaft schlecht.

Wenn sie nicht selber sich regen und rühren,

wer würde sie aus dem Sumpfe führen?

Dächten nur alle Arbeiter wie er,

die Zustände blieben nicht lange mehr.

Jesus, wenn nur der Papa nichts wittert,

der gegen die Roten so arg ist verbittert.

Er schnitte das Band unserer Herzen entzwei

und mit der Heirat wars aus und vorbei.

Denn wenn ich den August zum Mann nicnt erhalte,

bleib ich Jungfer, wenngleich eine alte.

Lieber Möpse füttern und Katzen masten,

als zum Manne nehmen den Nächsten besten.

Mein Herz gehört dem August immerdar,

ihm allein folg ich zum Traualtar.

Doch, wo hab ich nur das Blatt mit dem Lied,

das er selber gedichtet hat.

Vielleicht wird es mir gelingen,

meines Herzens Ungeduld zu bezwingen.

Tag der Freiheit, Tag der Gleichheit,

komme bald und zögere nicht,

strahle auf die Menschenkinder,

strahl in deinem schönsten Licht.

über Armut, über Hochmut

halte schweres Strafgericht

und erlöse die Bedrängten,

schöner Tag, o zögere nicht!

An dem hohen Himmelsbogen

zuckt und glühet schon das Murgenrot,

das Erlösung bringt den Armen

aus der tiefen Nacht der Nut.

Tag der Gleichheit, Tag der Freiheit,

komme hald und zögere nicht

und erlöse die Bedrängten,

Schöner Tag, o zögere nicht!

August:  Bravo , bravissimo, mein Schatz!

Dafür bekommst du einen Extraschnatz

Rosa:    So feierlich, was soll das bedeuten?

August:  Ich will dir eine Überraschung bereiten.

Ich kann ohne Dich nicht länger mehr leben,

dein Vater muß dich zum Weibe mir geben.

Rosa:     Muß er? Wenn er nun aber nicht will?

August:   Dann entführ ich dich eben

Rosa:     Oho.

August:   Sei still. Da weißt, dein Vater mag mich leiden.

Er sieht unser Verhältnis mit stillen Freuden.

Er ist ein Praktikus und weiß genau,

daß sein Vorteil es ist, wenn du wirst meine Frau.

Ich bin im Geschäft ihm unentbehrlich,

ohne mich hätte er sich schwerlich

zu dieser Höhe aufgeschwungen

und sämtliche Konkurrenten bezwungen.

wenn er mich notigte weiterzuwandern

und einzutreten bei einem anderen,

ein gefährlicher Gegnersäß ihm im Nacken.

Ich würde ihn gründlich zwicken and zwacken.

Ich bin in der Fabrik nun sieben Jahr.

Rosa:    Ja, ja, der Vater schätzt dich, das ist wahr.

Aug.:     Ich schätz ihn auch, ist er duch der Papa

meiner herzigen Rosa da.

Wer ein solch Juwel von Töchterlein

besitzt, muß selbst was Rechtes sein.

Rosa:     Spötter!

Aug.:      Nur daß er für den Otto so schwärmt

und auf die Roten oft schimpft und lärmt,

das ist eine arge schwache Seite.

Rosa:     Die haben aber doch gar viele Leute.

Aug.:      Indessen, bin ich erstmal sein Schwiegersohn,

bläst er, wenns gilt auch mal einen anderen Ton.

Ich werde ihn schon gehörig laxieren

und von seinem Otto-Fieber kurieren.

Denn wir haben es schon oft vollbracht

und einen Saulus zum Paulus gemacht.

Besonders bei den letzten Wahlen

manch hartgesottnem Nationalliberalen

ein Licht im Hirnkasten angesteckt

und sie von ihrem Dusel erweckt.

Denn wer nicht hat ein Brett vor der Stirn

im Kopf gar hat eine Unze Hirn

und dann noch vernagelt ist gegen die Wahrheit,

der muß begreifen mit voller Klarheit

daß aus dem sozialistischen Sumpf und Schlamm

es kein Auferstehen gibt als unser Programm

Rosa:     Ich höre Schritte, Papa ist erwacht.

August, schleunigst aus dem Staube gemacht.

In dieser Stimmung darfst du es nicht wagen,

dich ihm als Schwiegersohn anzutragen.

Verbirg dich schnell hier im Kabinett.

Aug.:      Na, das ist ja außerordentlich nett.

Köning:   Rosa, war August heute da?

Rosa:     Weshalb fragst Du, Papa?

Köning:   Antworte nein oder ja.

Rosa:     Oh, Papa, du frägst so ungehalten

und legst deine Stirn in düstre Falten.

Köning:   Hör, was ich dir sage, mit August ist's aus,

 ich jag ihn heut noch zur Fabrik hinaus.

Rosa:    Um Gotteswillen Vater, was ist vorgefallen,

er nat dir doch sonst immer gut gefallen.

Köning:  Vorgefallen, nichts.

Rosa:    Doch dahinter steckt gewiß

irgendein schlechtes Subjekt,

160 daß ihn veleumderisch hat angeschwärzt,

oh, Papa, fühlst du, wie es schmerzt?

Köning:  Der August ist

Rosa:    Ein Jude doch nicht, soviel ich weiß, ist er Christ

Schlimmeres

Am Ende gar ein Dieb

Ein Ehemann, der nur sein Spiel mit mir trieb?

Schlimmeres

Heimliches Glied einer Räuberbande?

Schlimmeres

Verräter vielleicht am Vaterlande?

Köning:  Hör, was ich dir sage. Ich bin ganz desperat,

der August ist ein Sozialdemokrat!

Rosa:     Sozial

Köning:  Demokrat

Rosa:     Was ist denn eigentlich ein Sozialdemokrat!

Köning:  Sozialdemokrat ist ein Mann

Rosa:     Daß er ein Mann ist und keine Frau,

Dasselbe weiß ich auch genau.

Doch wilist du, Papa, ir nicht näher erklären,

was die Sozialdemokratren eigentlich begehren

Köning:  Die Welt zuunterst zuoberst zu kehren,

alles auf Erden soll werden gleich,

kein Unterschied mehr sein zwischen arm und reich.

Rosa:    Soll alles werden reich oder alles arm?

Köning:  Ist das Mädel einfältig, daß Gott erbarm.

Teilen wollen sie, die Schwerenöter,

wegschnappen wie gefräßige Köter,

was unsereins erworben mit schwerem Fleiß.

Es soll zu Nutz und frommen,

nun zur Verteilung kommen.

Rosa:     Papa, ich bitte, nur eine Frage,

doch mußt du nicht zornig oder

ungeduldig werden, sonst will ich schweigen.

Köning:  Nanu?

Rosa:    Hast du dein Vermögen allein erworben?

Köning:  Wer denn? Als mein seliger Vater verstorben,

hinterließ er mir ein Buch voll Schulden,

ungefähr an die Zehntausend Gulden.

mit unsäglichen Müh hab ich gerungen,

bis ich mich zum Wohlstand hab emporgerungen.

Rosa:     Das weiß ich, jedoch ich meine,

du brachtest zustand es nicht alleine.

Deine Arbeiter mußten spät und früh

für dich arbeiten mit schwerer Müh.

Köning:  Doch ich war der Kopf

Rosa:     und sie die Hand

und Kopf ohne Hand bringt nichts zustand

Köning:   Bekommen sie denn nicht ihren vollen Lohn?

Rosa:     Doch wohl, doch was haben sie davon?

Die Löhne sind knapp, drum erübrigen sie nichts

und am allernotwendigsten es oft ihnen gebricht.

was müssen sie oft ein Leben führen,

das Herz maß einem zusammenschnüren.

Du selber weißt es ja doch am besten,

hast oft zu Weihnachten und anderen Festern,

uns befohlen, der Arbeiter Not zu lindern

und Geschenke zu bringen ihren Kindern,

Denn du hast ein weiches edles Herz.

Köning:  Drum eben erregts einen Zorn und Schmerz,

daß diese sozialistische Agitatoren

bei den Arbeitern gegen uns rumoren.

Rosa:     Es sind eben nicht alle Fabrikanten wie du,

die meisten halten den Beutel fest zu,

suchen am Lohn stets abzuzwacken

die Arbeiter sollen sich schinden, und placken

jahrein, jahraus ihren Schweiß vergießen,

damit die Herren Kapitalisten das Leben genießen.

Das hat mich innerlich schon oft empört.

Als Kind hab ich einst eine Fabel gehört:

die Tiere gingen mal auf die Jagd

und hatten reiche Beute gemacht.

Und als es zuletzt zum Teilen kam,

der Löwe für sich das Beste nahm.

Mir gehört das Fleisch und euch die Knochen.

Ich bin der Löwe, so hat er gesprochen,

Bei der Lohnarbeit scheint mir, geht es ebenso:

der Fanrikant hat das Korn, der Arbeiter das Stroh.

Köning:  Was schwatzest du da für faule Sachen,

das läßt sich eben nicht anders machen.

Rosa:     Doch mein ich, daß milder wir urteilen sollen,

wenn die Arbeiter ihr Los verbessern wollen.

Köning:  Warum sind die Kerls denn nicht zufrieden

mit dem, was ihnen Bismarck will bieten?

Rosa:     Da meinst du wohl die Sozialreform?

Das ist nur ein Almosen in anderer Form.

Köning: Was Bismarck tut, ist wohlgetan.

Doch böser Wille und törichter Wahn,

mäkeln und nörgeln an allen Dingen,

die er zu Deutschlands Heil will vollbringen.

Er, der mit seiner ganzen Kraft

für Deutschlands Größe nur wirkt and schafft,

mit erstaunlicher Weisheit das Staatsschiff lenkt

und niemals an sich selber denkt.

Rosa:    Übertreibst du nicht ein wenig, Papa?

Köning:  Meinst du, ich rede Allotria,

Rosa:    Dann ist es wohl eine Zeitungsente,

was im Blatt heut steht von der Bismarckspende?

Köning:  Was denn? Ich bin zu aufgeregt gewesen

und habe die Zeitung noch nicht gelesen.

Rosa: Im Augenblick, Papa, bring ich sie dir.

Köning:  August Frei 10 Mark, ich verstamme

und eine so growe namhafte Summe.

Rosa:     Da siehst du nun, Papa, schwarz auf weiß

den allerdeutlichsten Beweis,

daß, August nicht so ein schlimmer Patron

und wert ist zu werden, dein Schwiegersohn.

August tritt aus dem Kabinett Leiniges vergessen.

Aug.:     Teilen nicht wollen wir, sondern verbinden,

trennen nicht wollen wir, sondern neu gründen.

was wir erstreben ist herrlich und groß,

auch praktisch nicht bin Hirngespinst bloß.

Wir wollen die Lohnsklaverei beenden,

so auch den Kampf der Konkurrenten

mit vereinten Kraften, das sei unser Ziel.

Und Organisation statt des Zufalls Spiel.

Der Mensch allein ist nur ein Zwerg,

zu winzig und schwach für ein großes Werk.

Nur wenn sich die Menschen zusammenschließen

wachsen die Zwerge empor zu Riesen.

Was Großes ist geschaffen worden allerorten,

es ist durch Gemeinschaft geschaffen worden.

Doch Herr Köning, ich fürchte fast,

daß ich Ihnen falle zur Last

Köning:  Laß gut sein, mein Sohn, ich muß gestehn,

so hab ich die Sachen bis jetzt nicht besehn.

Ich lasse mich gern eines besseren belehren.

Rosa:    Vielleicht wird er gar dich noch bekehrn.

Köning:  O, soweit sind wir noch nicht,

doch erscheint mir die Sache in einem andren Licht.

Aug.:     Und was darf ich wegen der Rosa hoffen?

Rosa:    O guter Papa, ich hab ihn so lieb.

Köning:  Lassen wir diese Frage erst noch offen.

Köning:  Sei nicht so stürmisch, du Herzensdieb,

daß du so heftig nach ihm verlangst

hast du vor dem Sozialistengesetz keine Angst?

Rosa:    Oh, ich will ihn im Gegenteil beschirmen,

in allen politischen Wettern und Stürmen,

will auch ein wenig stutzen seine Flügel

und seinem Feuereifer anlegen die Zügel.

Eia weib nur kann eien solchen Brausekopf zähmen

Aug.:      Zähme du nur, doch wirst du mich nicht Lähmen.

Maria:    Papa, schiebe ihr Glück nicht heraus

Köning:  Nun so macht es denn selder miteinander aus.

Aug.:     (Freudig erregt)

Mein Fräulein sind Sie willens und bereit,

während ihrer ganzen Lebenszeit

als Ehegspons mir zur Seite zu weilen

und Freuden und Leiden mit mir zu teilen?

Rosa:    So lange nicht aufhört zu schlagen mein Herz;

will ich mit dir teilen Freud und Schmerz.

Köning:  Und da will er, daß wir glauben sollen

daß Sozialdemokraten nicht teilen wollen.

 

Ende

 

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